VielfaltDer Karriere-Jongleur

Lukas Faustmann (29) macht eine ungewöhnliche Karriere nach der anderen: Mecha­tronikermeister, Tierzüchter, Automatisierungsexperte, Tischlermeister – wie schafft er das bloß alles?

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„Was kann ich einmal anderen über meine Arbeit erzählen, wenn ich aufgehört habe? Wofür mache ich das, wofür sitze ich hier? Was habe ich für die Gesellschaft gemacht, was habe ich hinterlassen?“ © Oliver Wolf
 

Der Anfang, der rote Faden in einer Geschichte: Normalerweise arbeitet man sich in einem Interview an solchen Handlungssträngen ab. Auf der Suche nach journalistischen Haltegriffen, die bei Lukas Faustmann aber keinen Halt geben. Der 29-jährige sympathische Steirer erzählt, man hört einfach zu und kann sich seiner Offenheit, seiner Klarheit im Denken nur schwer entziehen. Ein Bild ergibt sich im Gespräch, Lukas Faustmann als eine Art Role Model für die Generation der jetzt rund 30-Jährigen. Zielstrebig, aufgeschlossen, interessiert auf der einen Seite. Aber Karriere um jeden Preis? Nö.

Vielmehr stehen da Erfolge, Karrierewendungen, ja sogar Brüche, und natürlich die Sinnsuche. „Wenn ich einmal abtrete: Was habe ich hinterlassen? Was habe ich für die Gesellschaft gemacht? Was kann ich anderen über meine Arbeit erzählen, wenn ich aufhöre? Wofür mache ich das, wofür sitze ich hier?“, fragt sich Faustmann im Gespräch. Fest steht: Er wird eine Menge erzählen können. Und seine Karriere war nie eine gmahde Wiesn, von Anfang an nicht. Von der Hauptschule Vorau ging es volley ins Frank-Stro­nach-College in Weiz, wo er die HTL Wirtschaftsingenieurwesen und eine Fußballerausbildung kombinieren wollte. Zu verdauen waren: Die Schule, zweimal täglich trainieren, aber auch das Fehlen seines gewohnten sozialen Umfelds („Ich hatte meinen Freundeskreis von Kindesbeinen an, das war hart“). Dazu kam die erste schwere Verletzung. „Ohne jemandem Vorwürfe zu machen: In so einer Situation bräuchtest du psychologische Unterstützung, es war für mich eine extrem schwierige Zeit.“ Der erste Bruch war damit vorprogrammiert: Faustmann schmiss die Schule, begann eine Mechatroniker-Lehre bei Magna. Es war eine Befreiung. „Da habe ich gesehen: Alles, was ich mit den Händen machen kann, das ist es.“ Aber er weiß auch: „Ich hätte viele Sachen nicht gemacht, wenn ich keinen Zwang gehabt hätte.“

Foto © Oliver Wolf

Schon mit 14, 15 Jahren, erzählt er heute, habe er selber darauf geschaut, dass er sich über Wasser halten könne. „Ich war nie ein Konsument, der gedankenlos gekauft hat. Und das habe ich bis heute gehalten.“ Was folgte, war ein „kerzengrader Weg“, wie er es selbst ausdrückt. Lehre mit Auszeichnung abgeschlossen, dann gleich darauf die Meisterschule. Und zwischendurch die Überlegung: „Soll ich ein Studium machen?“ Die Idee verblasst, er steigt bei Magna schnell auf, bekommt immer mehr Verantwortung. „Das war dann der Umstieg vom handwerklichen Tun in der Lehre zum Reden, zum Organisieren. Ich habe meine Zukunft schon auch dort in der Magna gesehen, im Automatisierungsbereich.“ Der Wandel sei ihm aber nicht leichtgefallen, auch wenn er wusste: Wenn man diesen Weg weiter beschreitet, wartet am Ende eine sichere Karriere in der Industrie.

Den Schritt, dass ich auch noch die Tischlermeisterprüfung gemacht habe, den haben nicht viele verstanden.

Lukas Faustmann

Parallel dazu arbeitete er mit seinem Bruder Daniel an einem anderen Projekt: der Aufzucht von Wagyu-Rindern und Iberico-Schweinen. „Wir haben an der Idee geschmiedet, den alten Hof unserer Familie, den es seit 1769 gibt, wiederzubeleben. Mit nachhaltiger Landwirtschaft und Tieren, die sich frei bewegen.“ Ursprünglich war das Geld, das man mit diesen Rassen verdienen könnte, ein Trigger, aber: „Man kann nicht davon leben. Ich kann mir den Luxus leisten, weil ich einen anderen Job habe. Aber ich kann nach meinen Vorstellungen das Leben der Tiere gestalten. Das ist wichtig für mich.“

Für andere wäre der Weg vielleicht vorgezeichnet gewesen. Die Leitplanken des Lebens waren weit offen, mit Faustmanns Aufstiegschancen und seiner Vision vom Hof. Wenn er heute erzählt, dann erwähnt er diese Chancen fast so beiläufig, als ob sie selbstverständlich gewesen wären. Sie sind da. Aber passen sie auch ins Leben?

Ein Weihnachtsgeschenk, das er selbst machen wollte, brachte die nächste Wende und auch einen Bruch. Faustmann hatte ein Schneidbrett aus Nussholz im Sinn, dockte bei einem befreundeten Tischler an. „Da hat es klick gemacht“, erinnert er sich. „Ich hatte immer schon eine Abneignung gegen Künstliches, gegen Pressspannplatten. Mein Ideal ist es, das Holz selbst umzuschneiden, es zu verarbeiten.

Ich hatte immer schon eine Abneignung gegen Künstliches, gegen Pressspannplatten. Mein Ideal ist es, das Holz selbst umzuschneiden, es zu verarbeiten. Foto © Oliver Wolf
Ich wollte nie etwas Normales machen.“ Dass er so in das Thema kippte, dass er sogar seinen Job bei Magna kündigte, von vorne begann, die Tischlermeisterprüfung machte, das war vielleicht nicht wirklich geplant. Aber er wollte es so. „Den Schritt haben freilich nicht viele verstanden.“ Raus aus der Sicherheit, einer gewissen Komfortzone, rein in ein Metier, von dem er so gut wie keine Ahnung hatte. „Ich konnte damals manche Bäume nicht voneinander unterscheiden.“


Mit dem ihm eigenen Zug zum Tor begann er das Projekt, lernte einen Tischler kennen, der das lebte, wovon er träumte, auch wenn man Abschläge im Leben hinnehmen muss. Was auch Faustmann betraf: Hausbau- und Kinderpläne mit seiner langjährigen Lebenspartnerin Anja wurden schon konkreter. „Das war das größte Risiko, das ich dabei genommen habe“, analysiert er heute. „Ich habe dann schon auch schlechte Zeiten gehabt. Aber ich wusste damit zu schätzen, was ich mir vorher aufgebaut hatte. Und die Kündigung bei Magna damals, das war schon extrahart.“

Alles in allem dauerte es ein Jahr bis zur Tischlermeisterprüfung. „Es war die härteste Zeit meines Lebens, das hat mich ans Limit gebracht, physisch wie psychisch. Ich habe sechs Kilogramm abgenommen.“ Und: Klar habe er länger gebraucht als die erfahrenen Tischler, oft war er bis nach Mitternacht in der Werkstatt. „Aber in der Genauigkeit war ich unschlagbar, weil ich alles immer vorher genauestens geplant hatte. Diese Genauigkeit habe ich aus meinem anderen Job mitgenommen, da hatte ich gute Lehrer, die mich so geprägt haben.“

Das Meisterstück, ein Apothekerschrank, war für ihn eine „extreme Herausforderung“, aber der Schrank birgt auch ein kleines Geheimnis. Faustmann baute das Meisterobjekt für seine Freundin Anja, die Pharmazie studierte. „Wir haben nämlich einmal diskutiert, wo sie ihre Medikamentenproben hinlegen soll. Daraufhin hat sie mich gefragt: ,Soll ich sie in meinen unsichtbaren Apothekerschrank legen?‘ Da wusste ich, dass ich so einen baue.“ Es wurde das Meisterstück des Jahres, Faustmann wurde zum Meister des Jahres erkoren. Und er prüfte wieder einmal Optionen, bewarb sich, verwarf einen Job, weil er mehr daheim sein wollte. „Der Job war toll. Aber der soziale Faktor hat mir gefehlt, ich brauche keine dauernden Dienstreisen.“ Er klinkte sich wieder bei Magna ein (Automatisierungstechnik) und wird jetzt wohl schauen, was das Leben noch für ihn bereithält. „Wichtig ist das soziale Umfeld, wichtig ist die Ernährung. Alles, was sonst kommt im Leben, ist eine Draufgabe. Und wenn ich etwas zum Beispiel als Tischler mache, dann nur für jemanden, der das auch wertschätzen kann“, sagt er.

Karrieretipp

Lukas Faustmann motiviert sich auch über die Sinnsuche: „Was kann ich einmal anderen über meine Arbeit erzählen, wenn ich aufgehört habe? Wofür mache ich das, wofür sitze ich hier? Was habe ich für die Gesellschaft gemacht, was habe ich hinterlassen?“ Weitere zentrale Themen: Ein funktionierendes soziales Umfeld und persönliche Wertschätzung für das, was er tut.

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