Interview"Menschen dürfen Fehler machen"

Arbeitspsychologe Paulino Jimenez über Karriereglück mit 30, Sinnsuche und Abgründe und Chancen der ­Arbeitswelt von heute und ­morgen.

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
Paulino Jimenez ist Professor für Arbeitspsycho­logie an der Karl-Franzens-Universität Graz. Neben seiner Lehr- und Forschungstätigkeit betreut und berät Jimenez zudem Unternehmer und Firmen. © Juergen Fuchs
 

Unglaubliche Karrieren mit 30: Herr Jimenez, gibt es ein Rezept für einen frühen Karriere-Erfolg?
Ich bin da skeptisch. Wenn man das Idealbild einer erfolgreichen Karriere betrachtet, also zum Beispiel einen Mark Zuckerberg von Facebook, dann ist das jemand, der natürlich zum einen wahnsinnig ehrgeizig ist, zum anderen aber sehr viel Glück gehabt hat. Dieses nicht gerne in den Mund genommene Wort ist für eine erfolgreiche Karriere mit 30 von Belang. Alles andere wäre Hybris.

Was sind das für Menschen, die mit 30 Karriere gemacht haben?
Das sind ehrgeizige, disziplinierte, zielorientierte Personen. 95 Prozent der Menschen wollen neben der Arbeit auch ein Leben haben. Für 5 Prozent ist die Arbeit das Leben.

Kann man nicht auf anderen Wegen erfolgreich sein?
Doch. In die Arbeit kann und soll man Energie stecken, man soll aber auch Sinn suchen. Ich denke, dass das auch Unternehmen wollen. Betriebe wünschen sich motivierte Menschen. Dass dem Menschen jedoch 80 Stunden pro Woche nicht zumutbar sind, haben mittlerweile viele Personalabteilungen verstanden.

Vor allem die Generation Y, also Menschen um die 30, werden mit dem Begriff „Work-Life-Balance“ in Verbindung gebracht. Woher kommt dieses Aufbegehren eigentlich?
Interessante Frage. Das hat mit dem Phänomen des Leidensdrucks zu tun. Irgendwann ist deutlich geworden, dass sich etwas ändern muss, dass auf das Leben und die Freizeit zu wenig geachtet wurde. Dann wurde darüber geschrieben. Eine Echokammer entstand, erste Reaktionen folgten. Zwischen 1950 und 1970 wäre man mit der Idee mit dem nassen Fetzen aus dem Unternehmen gejagt worden.

Foto © FUCHS JUERGEN

Wie lässt sich dieses immer stärker werdende Freizeitdenken mit der Digitalisierung und Beschleunigung in allen Lebensbereichen vereinbaren?
Menschen erkennen zu spät, dass sie überbeansprucht sind. Das ist wie beim Trinken. Die Flexibilität, die sich durch die Digitalisierung ergibt, führt dazu, dass man sich selbst ausbeutet. Immer mehr arbeiten auch von zu Hause.

Was muss sich da ändern?
Da stehen wir noch am Anfang. Wir brauchen simple Disziplin. Das muss von zwei Seiten ausgehen, nämlich von den Arbeitgeber- und den Arbeitnehmervertretern. Klare Maßnahmen müssen diese flexible Entgrenzung regeln. Ob das zum Beispiel über zwei SIM-Karten oder zwei verschiedene Mail-Accounts gelöst wird. Aber neben den technischen Möglichkeiten braucht es auch gesellschaftliche.

Veränderung gab es in der Arbeitswelt immer. Egal ob mit Gutenberg oder Zuckerberg.

Paulino Jimenez, Arbeitspsychologe

Ist die Arbeitswelt heute anfälliger für radikale Veränderungen?
Nein. Die Menschen waren diesen Wendungen immer ausgesetzt. Zum Beispiel mit Gutenberg im Mittelalter. Die Inflation von Start-ups täuscht manchmal darüber hinweg, dass es am Ende des Tages um gute Ideen geht. Heutzutage kann ich schneller Geld verdienen, aber auch schneller verlieren.

Sie arbeiten sowohl als Wissenschaftler an der Universität als auch als Arbeitspsychologe und begleiten dabei unterschiedlichste Firmen. Wie lautet Ihr Appell an Unternehmer?
Wir müssen uns der Technik anpassen, und nicht umgekehrt. Wir haben Grenzen. In der Technik sind Motoren unterschiedlich programmiert, laufen manchmal zwei Stunden, manchmal 24 Stunden. Aber sie machen Pausen. Sogar Maschinen. Diese Organisationskultur müssen wir uns aneignen.

Manche Unternehmen schmücken sich mit dem Begriff Heterarchie. In deren Betrieben hätten angeblich alle gleich viel Einfluss.
Ich glaube nicht, dass das funktionieren kann, auch wenn man als Chef auf jeden Fall auf Partizipation und Mitspracherecht achten sollte. Agilisierung ist besonders wichtig. Arbeitnehmer müssen definierte Aufgabenbereiche übertragen bekommen. Wenn ich einen Installateur in meinem Haus habe, bin ich beispielsweise froh, wenn er nicht für jede Entscheidung seinen Vorgesetzten um Erlaubnis fragen muss. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Ermächtigung: Menschen dürfen Fehler machen.

Karrieretipp

Paulino Jimenez: „Das Büro sollte man nicht mit nach Hause tragen. Wichtig ­außerdem: zwei SIM-­Karten/Telefone sowie ­einen privaten und einen beruf­lichen E-Mail-Account führen.

In Betrieben gilt: Demokratie leben, auch wenn sie manchmal viel Zeit kostet. Partizipation zulassen. Hinhören. Das Gemeinschaftliche muss in Zellen stattfinden,
Aufgabenbereiche müssen ­genau definiert werden.“

Diskutieren Sie mit - posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung!