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Frauenpower„Es ist ein Vorteil, unterschätzt zu werden“

Klaudia Bachinger (33) und Carina Roth (31) haben sich als junge Frauen in der Geschäftswelt behauptet. Wer am meisten davon profitiert? Senioren, denen sie Gehör und Arbeit verschaffen.

Klaudia Bachinger (links, 33) ist Gründerin und CEO der Plattform WisR, Carina Roth (rechts, 31) ist CEO und CFO von WisR, einer Jobplattform für ältere Menschen © Oliver Wolf
 

Plausibel erklärt: Sie haben sich zusammengetan, um jenen eine Plattform zu geben, die sich im wahrsten Sinne des Wortes im Unruhestand befinden. Klaudia Bachinger und Carina Roth geben mit „WisR“ Senioren die Chance, nach der Pension weiterhin am Arbeitsmarkt mitzumischen. Die „Silver Ager“ können auf der Plattform ihr Profil posten und ihre Erfahrung in projektbasierten, saisonalen sowie Teilzeitjobs anbieten.

Aus der eigenen Erfahrung können die beiden zwar nicht sprechen – zumindest, was den Pensionsschock betrifft. Aber dafür umso mehr, was junge Frauen in der Geschäftswelt erwartet, und vor allem, was sie mitbringen müssen, um sich zu behaupten und das eine oder andere Hindernis zu umschiffen. Bevor Klaudia Bachinger und Carina Roth 2017 aber gemeinsam mit Kollege Martin Melcher WisR gründeten, hat jedoch jede für sich ihre Erfahrungen gemacht.

ZUR PERSON

Klaudia Bachinger (33) ist Gründerin und CEO von WisR. Bachinger ist studierte Romanistin und Medienwissenschaftlerin, spricht fünf Fremdsprachen und hat zuvor als Journalistin und Filmproduzentin gearbeitet. Bereits in ihrer Zeit als Filmemacherin und Journalistin hat sie sich mit der Frage, wie wir in Zukunft arbeiten werden und wo der Mensch noch wichtig sein wird, auseinandergesetzt. Vor zwei Jahren hat sie das HR-Tech Start-up WisR – die erste Recruiting-Plattform für Senior Talents – gegründet und sich zum Ziel gesetzt, motivierte Pensionisten für projekt­basierte, saisonale und Teilzeitjobs zurück in den Arbeitsmarkt zu bringen.

Die 33-jährige Klaudia Bachinger verschlug es nach ihrem Französisch- und Politikwissenschaftsstudium in Wien in die Filmbranche. „Ich war bei Spielfilmen in der Produktion für Skript und Dialog zuständig. Später war ich auch Dialogcoach.“

Foto © Oliver Wolf

Danach wechselte die Oberösterreicherin zu einer Produktionsfirma, die den Fokus auf Reportagen und Dokus legte. „Da bin auch zum ersten Mal mit den Themen ,Silver Society‘ und ,New Work‘ in Kontakt gekommen.“ Doch nach gewisser Zeit wuchs die Unzufriedenheit über den Managementstil einer der Chefs. Die Tatsache, dass ihr Assistent mehr verdiente als sie, war schließlich das Tüpfelchen auf dem i, um zu kündigen.

KARRIERETIPP: Carina Roth

„Ich finde, dass man sich vor nichts scheuen sollte. Egal, was man macht. Mir ist 80 Mal gesagt worden, dass das und das nicht geht, und ich habe es trotzdem irgendwie geschafft, genau diesen Job zu machen, den ich wollte. Ich denke, dass es ein Ansporn sein sollte, wenn viele sagen, dass das, was man vorhat, nicht geht. Und man darf zwar Umwege gehen, aber man sollte keinesfalls Dinge aussitzen und warten, bis es etwas wird. Vieles ist Zufall, aber man muss die Zufälle herausfordern.“


„Ich wollte mich nicht mehr ausbeuten lassen. Ich hatte auch nie Angst, keinen Job zu finden. Irgendetwas findet man immer.“ Danach pilgerte Bachinger einmal nach Rom und begegnete auf dem Weg vielen Senioren, die spannende Geschichten im Gepäck hatten. Alle hatten einen Grundtenor: Ich fühle mich nicht mehr gebraucht, seit ich in Pension bin. Außerdem: Ich würde mein Wissen gerne weitergeben.

„Hier kam mir eigentlich schon die Idee zu WisR“, erinnert sich die 33-Jährige. Als sie nach Wien zurückkehrte, begab sie sich auf die Suche nach einem Team. Es sollte fast ein Jahr dauern, bis sie auf Carina Roth traf. Roth: „Wir haben uns bei einem Gründerevent getroffen. Sie hat mir in einem Satz erzählt, was sie machen will, und am nächsten Tag habe ich ihr zugesagt.“

ZUR PERSON

Carina Roth (31) ist Gründerin und CEO/CFO von WisR, ein Start-up, das mit seiner Online-Jobplattform für ältere Menschen aktiv Generationen zusammenbringt und sich für gemeinsame Wertschöpfung einsetzt. Nach ihrem MBA-Studium an der Webster University in Wien, Schanghai und Genf arbeitete Roth als Traderin im Rohstoffhandel. Durch den Wunsch, etwas Sinnstiftendes von Grund auf aufzubauen, wurde sie zur Mitgründerin bei WisR und ist heute als CFO für das gesamte Zahlenkonstrukt und sämtliche KPIs zuständig.


Carina Roth war zuvor in Genf als Traderin im Rohstoffhandel tätig. „Das war so etwas Fremdes und Gefährliches. Nachdem ich meinen Master der Webster in Wien in der Tasche hatte, habe ich mich bei 80 Firmen beworben, bis es geklappt hat. Ich war dann auch bei Personalvermittlern und Headhuntern: Jeder hat gesagt, dass ich da nicht reinkomme, weil es so ein geschlossener Markt ist. Außerdem hatte ich keine Erfahrung in der Schweiz oder im Trading.“ Also ging die heute 31-Jährige den Umweg, um ans Ziel zu kommen. „Ich habe mich um eine andere Stelle beworben und bin nach sechs Monaten dann endlich im Trading gelandet.“

Ich wolltemich nicht mehr ausbeuten lassen. Ich hatte auch nie Angst, keinen Job zu finden. Irgendetwas findet man immer.

Klaudia Bachinger
Das Motto der Steirerin: Vieles ist Zufall, aber man muss die Zufälle eben auch herausfordern. Carina Roth war schließlich drei Jahre für die Firma tätig. Bis sie sehr lange auf die versprochene Beförderung warten musste und schließlich feststellen musste, dass von den vier Junior Tradern die beiden Frauen weniger verdienten als die Männer. Die erste Parallele zwischen den beiden Frauen.

„Ich komme aus einer Unternehmerfamilie und wollte das eigentlich schon immer machen. Ich dachte: Das ist jetzt die Chance.“ Sie kehrte nach Österreich zurück und besuchte Gründer-Events, wo sie schließlich auch auf ihre heutige Kollegin Klaudia Bachinger traf und auf Anhieb von ihrer Idee begeistert war.

KARRIERETIPP: Klaudia Bachinger

„Mutig sein und auch den Mut haben, anders zu sein, den Mut haben, etwas zu wollen und es sich dann auch zu nehmen. Aber auch den Mut haben, auch einmal ein Risiko einzugehen. Man muss aber auch um Hilfe fragen. Das habe ich am Filmset gelernt, man darf keine Scheu haben, andere Menschen um Hilfe und um Gefallen zu bitten, weil man sonst nicht weiterkommt. Und Männer machen das die ganze Zeit. Wenn das die Frauen aus falschem Stolz nicht auch tun, dann hindert sie das, weiterzukommen. Und tendenziell ist es so, dass jeder gerne helfen will, wenn er es kann.“

Was die beiden Frauen jungen Geschäftstüchtigen raten würden? Vieles, aber vor allem beim Netzwerken mit Köpfchen vorzugehen. Klaudia Bachinger: „Ich denke, dass ein Netzwerk essenziell ist, wobei man hier auch unterscheiden muss zwischen Netzwerken wie: Ich gehe von Veranstaltung zu Veranstaltung und rede dort mit so vielen Leuten wie möglich. Ich sehe es so, dass weniger, aber dafür gute Kontakte wichtiger sind als viele lose. 10 bis 20 Leute, die man schätzt und die man immer fragen kann, die sind schon wichtig. Bei uns sind es Investoren und Mentoren. Es sind aber auch andere Gründer, und das ist halt hilfreich. Weil wir viele Fehler nicht machen und eben auch Zeit sparen.“ Auch in Sachen Mitarbeitersuche sei ein funktionierendes Netzwerk nicht zu unterschätzen, wirft Roth ein: „Wenn es zum Beispiel darum geht, dass man Leute einstellen muss, und man hat keine Bekanntheit, dann bewirbt sich vielleicht auch niemand für den Job. Es ist halt so: Sucht man beispielsweise eine Steuerberaterin, dann fragt man sein Netzwerk. Man bekommt eben Abkürzungen hin, die man vielleicht sonst nicht hinbekommen hätte, wenn man versucht, alles immer alleine zu machen.“

Ich komme aus einer Unternehmerfamilie und wollte das eigentlich schon immer machen. Ich dachte: Das ist jetzt die Chance.

Carina Roth
Und weil man nicht immer alles alleine machen kann, seien auch Mentoren und Führungskräfte, die Potenziale und Stärken früh entdecken, fordern und fördern, entscheidend. „Vor allem in großen Unternehmen. Man muss für gewisse Positionen einfach vorgeschlagen werden, weil bei jeder ausgeschriebenen Position Führungskräfte gefragt werden, ob sich jemand aus ihrem Team dafür eignet“, spricht Roth aus Erfahrung. Dass man als Frau aber hin und wieder unterschätzt wird, sieht Klaudia Bachinger zumindest in gewissen Situationen als Vorteil an. „Wenn es zum Beispiel darum geht, dass man etwas herausfinden möchte und Fragen stellt und zuhört. Dann sind die Menschen nämlich sehr gewillt, dir alles zu erzählen. Da kann man die Leute überraschen und zeigen, dass man doch nicht so naiv und jung und klein ist.“

Vor allem aber, wenn es um größere Summen geht, merken beide Frauen, dass ihnen der Umgang mit so viel Kapital oftmals nicht zugetraut wird. Carina Roth: „Es ist schade, dass es noch immer so wenige Investorinnen gibt, deswegen bekommen auch weniger Gründerinnen Geld.“ Obwohl man schon merke, wenn zum Beispiel das männliche Gegenüber Vater einer Tochter sei, erklärt Bachinger: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Männer, wenn sie selbst Töchter haben, offener und eher gewillt sind, anderen jungen Frauen zu helfen. Weil sie wissen, dass es ihrer Tochter einmal genauso gehen wird.“

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