Bodo Janssen macht am 6. Juni 1998 mit einem seiner Freunde einen kleinen Umweg in die Grindelhochhäuser in Hamburg. In einer Wohnung warten drei bewaffnete und maskierte Männer, die die beiden überwältigen. Erst später stellt sich heraus, dass Janssens Freund mit den Entführern unter einer Decke steckt. Acht Tage wird der 24-Jährige gefangen gehalten und gefoltert. Seine Entführer fordern zehn Millionen Mark. Am 13. Juni 1998, kurz nach der Lösegeldübergabe, gelingt es einem Sondereinsatzkommando der Polizei, Bodo Janssen zu befreien.

22 Jahre sind vergangen, denken Sie oft an die Entführung?

BODO JANSSEN: Ja, die Entführung ist auf ganz positive Art und Weise immer präsent. Sie gibt mir viele Möglichkeiten durch den Tag zu gehen.

Sie wurden psychisch und physisch gefoltert, mit dem Tod bedroht. Wie kann das positiv sein?

Die Erfahrung an sich ist natürlich negativ, sie war körperlich und seelisch schmerzhaft, andererseits habe ich dadurch Gelegenheit bekommen, viele Dinge anders zu betrachten, mich besser kennenzulernen und mich auch anders zu verhalten.


Was war für Sie am schwersten zu verkraften?

Das Schwierigste war, zur Ruhe zu kommen, aus Angst vor den Bildern und Gefühlen, die während dieser Zeit entstanden sind. Das war es auch, wovor ich viele Jahre geflüchtet bin. Psychologen rieten mir aber zur Aufarbeitung. Sie meinten, wenn ich nun nichts unternehmen würde, könnte ich in einigen Jahren auf einen Schlüsselreiz reagieren und durchdrehen. Sie haben mir von Menschen erzählt, die sogar zur Waffe gegriffen haben. Ich habe mich damals also für den anstrengenden Weg entschieden, diese Erfahrungen zu verarbeiten und für die Zukunft nutzbar zu machen. Die Krise quasi als Rohstoff für die Entwicklung des weiteren Lebens zu betrachten.

Sie haben die Entführung mit einem Traumatologen aufgearbeitet. Dieser hat mit einer speziellen Methode gearbeitet.

Ja, er hat die EMDR – Eye Movement Desensitization and Reprocessing – angewendet, die Augenbewegungsdesensibilisierung und Wiederaufarbeitung. Man kann es sich ein bisschen wie bei einem Hypnotiseur vorstellen. Er bewegte seinen Finger und ich musste mit den Augen folgen. Während er das tat, hat er mir Fragen gestellt zu Ereignissen während der Entführung. Das hat dazu geführt, dass ich sie noch einmal durchlebt habe. Ich habe gezittert, geschrien und geweint.


Das klingt grauenvoll: Warum muss man diese Erlebnisse noch einmal durchleben?

Es geht darum, „Frozen Pictures“ aufzutauen. Menschen, die traumatisiert sind, speichern Bilder ab, verarbeiten diese aber nicht – das ist eine Schutzfunktion unseres Gehirns. Diese Bilder sind zuerst auch nicht abrufbar, sondern es braucht einen Schlüsselreiz – einen Geruch, ein Geräusch, einen Menschen, der so ähnlich aussieht, um dieses abgespeicherte Bild aufzutauen. Man spricht hier von Flashbacks. Zum Beispiel: In der Wohnung, in der ich gefangen gehalten wurde, roch es stark nach Katzenurin. Wenn ich diesen Geruch heute wahrnehme, dann erinnert mich das unweigerlich an die Entführung. Wenn es sich um eine positive Situation handelt, ist das kein Problem. Schwierig wird es, wenn es sich um eine sehr negative Situation handelt und man nicht mehr bewusst steuern kann, wie man darauf reagiert.


Haben Sie einen Rat für traumatisierte Menschen?

Das Entscheidende ist, nicht zu verdrängen, Gesprächspartner zu finden und alles so lange wiederzukäuen, bis es tatsächlich verarbeitet ist. Ich habe unglaublich viel darüber geschrieben und geredet. Bei jedem Mal, wo ich darüber gesprochen habe, nicht nur wie es mir ergangen ist, sondern auch welche Möglichkeiten sich für mich daraus ergeben haben, ist diese Wunde, die entstanden ist, immer mehr verheilt. Wir sind mit unseren Mitarbeitern immer wieder in Ruanda, weil wir dort Schulen bauen. Dort gab es den Genozid 1994. Die Ruandesen machen das genauso. Sie schweigen es nicht tot, sie nutzen jede Chance, um ihn auf den Tisch zu bringen und neue Erkenntnisse daraus zu gewinnen. Und über die Beschäftigung damit die Wunde verheilen zu lassen. Hildegard von Bingen sagte: Es ist wie bei einer Auster, es geht darum, aus einer Wunde eine Perle zu machen.

Wann hatten Sie das erste Mal das Gefühl, wieder sicher zu sein?

Nachdem ich befreit wurde, gab es mehrstündige Zeugenvernehmungen. Dann sind wir zum Flughafen gefahren, als sich die Flugzeugtüren schlossen und ich ins Cockpit geschaut habe, wo mein Vater saß, habe ich mir gedacht: Jetzt fliegt er mich nach Hause.

Ein Freund hat Sie damals in die Falle gelockt. Hatten Sie danach Probleme, zu vertrauen?

Nein. Ich bin im Jahr 2018 auch von einem der Entführer angeschrieben worden mit der Bitte um Vergebung. Ich habe ihm vergeben und es war ein großartiges Gefühl, dem Mann, der mich gefoltert hat, die Last zu nehmen. Das ist auch etwas, was ich in Afrika gelernt habe, folgende Aussage ist dort Gesetz: Wenn du mich um Vergebung bittest, dann vergebe ich dir. Ich vergesse es nicht, aber ich vergebe dir und damit fällt auch die Last ab, die wir mit uns herumtragen.

Ihr Vater ist 2007 mit dem Flugzeug verunglückt. Wie sind Sie mit diesem Schicksalsschlag umgegangen?

Die Schritte sind die gleichen. Zuerst ist die Trauer, aus der Trauer der Wandel in Dankbarkeit für das, was ich durch ihn lernen durfte. Dann die Dankbarkeit für die Möglichkeiten, die daraus entstehen. Die Quelle für diese Denkweise kommt von Viktor Frankl. Ich habe selbst die Freiheit, zu entscheiden, hadere ich damit oder treffe ich nach einer bestimmten Zeit die Entscheidung, zu sagen: Was mache ich jetzt daraus?

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