Corona-KriseAntje von Dewitz: "Wie das Home Office zur Selbstverständlichkeit wurde"

Antje von Dewitz, Geschäftsführerin der deutschen Outdoormarke Vaude, erklärt, warum Gutsein und Geldverdienen sich nicht ausschließen.

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Von Dewitz: „Führungskräfte sind Rahmengeber und Begleiter“ © VAUDE/Nicole Maskus-Trippel
 

Viele Menschen wurden sich während des Lockdowns der Schätze vor der Haustür bewusst. Kann die Outdoorbranche davon profitieren?

ANTJE VON DEWITZ: Definitiv, das war spannenderweise auch 2009, nach der Finanzkrise, so. Da wurden auch keine großen Investitionen gemacht, aber die Menschen zog es raus in die Natur. Derzeit boomt alles rund um den Radsport. Und seit drei, vier Wochen, auch der gesamte Outdoor-Bereich.

Ihr Buch trägt den Untertitel „nachhaltig, menschlich, fair – mit Haltung zum Erfolg“. Wirtschaft und Nachhaltigkeit: Das wirkt immer ein bisschen wie die Entscheidung zwischen Gutsein oder Geldverdienen.

Ich würde sagen, dass das die Schizophrenie in unserem Wirtschaftssystem deutlich darstellt. Aus meiner Perspektive ist Nachhaltigkeit nichts anderes als unternehmerische Verantwortung. Nämlich, dass ich darauf achte, dass die Art, wie ich meine Produkte herstelle, Mensch und Natur nicht schadet.

Klingt alles logisch, aber warum fällt die Umsetzung so schwer?

Wir haben unser Wirtschaftssystem so gestaltet, dass diejenigen, die ganzheitliche Verantwortung für die Lieferketten und Produktionsbedingungen übernehmen, durch die Mehrkosten und den hohen Aufwand im direkten Wettbewerb oft benachteiligt sind.

Hat das Thema Nachhaltigkeit wegen der Corona-Pandemie an Aufmerksamkeit eingebüßt?

Ich denke, bei den Konsumenten ist es sogar noch stärker ins Bewusstsein gerückt. Die Menschen machen sich mehr Gedanken über die ökologischen und sozialen Konsequenzen ihres Einkaufs. Dieses Zurückgeworfensein auf sich selbst und die Reflexion während des Lockdowns, die Fragen: Wie will ich leben? Was mache ich mit dieser Welt? Das hat sich noch verstärkt.

Vaude setzt auch bei der Unternehmenskultur auf andere Maßstäbe. Inwiefern?

Wir haben auf dem Papier zwar sehr viele Hierarchien, aber der große Unterschied ist die Rolle der Führungskräfte. Sie sind Rahmengeber und Begleiter. Der Fokus liegt auf Mitverantwortung der Mitarbeiter, Vertrauenskultur sowie Austausch auf Augenhöhe. Die Kultur basiert auf diesen Werten. Dementsprechend ist auch die Rolle der Führungskräfte gestaltet. Sie führen auf einem positiven Menschenbild basierend – auf Vertrauen.

Auch Homeoffice setzt Vertrauen voraus. Wie sind Sie mit diesem Thema umgegangen?

Regelungen wie das Homeoffice sind bei uns eine Selbstverständlichkeit, weil wir davon ausgehen, dass die Leute, die bei uns arbeiten, es gerne tun. Es geht nur darum, einen Rahmen zu gestalten, damit sie ihre Arbeit gut machen können, aber auch ein gutes Privatleben haben können. Wir arbeiten seit mehr als zehn Jahren an dieser Kultur. Bei uns war das ein richtiger Veränderungsprozess. Viele Führungskräfte haben sich anfangs damit schwergetan. Es hat viel Coaching, Auseinandersetzungen und Diskussionen gebraucht.

Ein Kapitel Ihres Buchs heißt „Arbeitszeit ist Lebenszeit“ – warum?

Mich fasziniert, dass ich die meiste Zeit im Leben mit Kollegen verbringe. Ich finde, es ist eine zentrale Aufgabe für Unternehmen, sich Gedanken zu machen, wie man diese wertvolle Zeit durch die Rahmenbedingungen so gestaltet, dass ich als Mitarbeiter auch Lust habe, hier zu arbeiten. Ich erlebe im Bekanntenkreis oft die Haltung: Mein wahres Leben findet zu Hause statt, in der Arbeit sitze ich die Zeit ab. Hier geht für alle unglaublich viel verloren.

Wie hoch ist der Frauenanteil bei Vaude?

Der liegt bei uns bei knapp 70 Prozent. Über 40 Prozent unserer Führungskräfte sind Frauen.

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