Serie

Michael Mokry: "Jede Operation ist wie eine Erstbesteigung"

Michael Mokry operiert an Gehirnen und erklärt, warum Hirnchirurgen ein großes Herz brauchen.

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
Michael Mokry © Kleine Zeitung/GERNOT EDER
 

Das Gehirn gilt als das komplexeste Objekt des bekannten Universums. Und er ist sein Feinmechaniker: Seit 30 Jahren ist Michael Mokry Neurochirurg, seit fünf Jahren leitet er die Grazer Uniklinik für Neurochirurgie. Durch Michael Schumachers tragischen Unfall ist sein Beruf, der für Mokry Berufung ist, ins Zentrum des medialen Interesses gerückt. Mokry erklärt, warum das Operieren an Gehirnen bis heute sein Traumberuf ist - und das, obwohl er eigentlich Musiker werden wollte.

Was macht die Faszination der Neurochirurgie aus?

MICHAEL MOKRY: Das Gehirn ist die größte Faszination. Alles, was wir tun, alles, was wir wahrnehmen, wird im Gehirn verarbeitet. Es ist eines der grundlegendsten Organe und nicht umsonst das einzige, das nicht transplantierbar ist. Jeder uns bekannte Computer ist mit diesen Leistungen überfordert, die integrativen Denkvorgänge haben wir nicht einmal annähernd verstanden.

Und Sie sind der Mechaniker dieses großen Faszinosums?

MOKRY: Man könnte Neurochirurgen mit Feinmechanikern vergleichen, mit Uhrmachern, die sehr feine Dinge bearbeiten. Aber: Eine Uhr müssen Sie nicht psychisch betreuen. Und wenn ein Rädchen zu Boden fällt, nimmt man eben ein neues. Das kostet nur Material, beim Menschen kostet es ein Leben. Einen Millimeter zu weit geschnitten, und es kann tödlich sein.

Ist man sich dieser Verantwortung ständig bewusst?

MOKRY: Am augenscheinlichsten wird die Tragweite, wenn bei einer Operation etwas passiert, wenn man handeln muss, weil der Mensch sonst stirbt. In diesen Situationen zeigt sich, ob man ein guter Chirurg ist, die Ruhe bewahrt und für den Patienten die beste Lösung finden und umsetzen kann.

Ist diese Nervenstärke die Grundvoraussetzung für einen Chirurgen?

MOKRY: Ein Neurochirurg braucht Nervenstärke und Geschicklichkeit. Aber für jede ärztliche Disziplin ist die Grundvoraussetzung ein hohes Maß an Empathie: Einfühlungsvermögen und die Bereitschaft, auf den Patienten einzugehen. Ich bin primär Arzt, davon leite ich alles andere ab.

Wie kam es dann zur Entscheidung für die Neurochirurgie?

MOKRY: Es gab zwei Gründe: Mein Vater, der selbst Mediziner war, starb an einer neurologischen Erkrankung, als ich noch ein Teenager war. Der zweite Grund waren schicksalhafte Erlebnisse im Studium: In der Anatomie wurde ich zum Präparieren des Kopfes eingeteilt, bei der Pathologie-Prüfung musste ich einen Kopf obduzieren. Tatsächlich wollte ich nie Chirurg werden, aber die Neurochirurgie war für mich immer etwas ganz Besonderes: Das sind die höchsten Weihen der Tätigkeit an einem Patienten.

Der Beruf des Chirurgen kennt Schattenseiten: lange Dienste, stundenlange Operationen. Wie gehen Sie damit um?

MOKRY: Lange Operationen sind körperlich anstrengend, ja. Meine längste Operation, bei der ich den Saal nicht verließ, nicht aufs Klo ging, nicht trank, dauerte 17 Stunden. Das war Schwachsinn, heute mache ich Pausen. Die größte Anstrengung ist die Konzentration: In unseren Operationssälen läuft keine Musik, in der mikrochirurgischen Phase, wenn direkt am Gehirn und den Gefäßen gearbeitet wird, gibt es auch über Stunden keine privaten Gespräche. Dann hört man nur das Piepsen des Herzmonitors.

Wie gehen Sie damit um, wenn eine Operation nicht gelingt?

MOKRY: Vergessen kann man solche Fälle nie. Andererseits ist der Umgang damit Teil der Professionalität, die man braucht, um helfen zu können und selbst nicht zugrunde zu gehen. Ich wäre kein guter Arzt, wenn ich mit dem Patienten in Tränen ausbräche - damit helfe ich ihm nicht. Aber das professionalisierte Mitfühlen muss sich ein Arzt behalten, sonst wird man zum eiskalten Macher. Es braucht die richtige Mischung zwischen Empathie für den Patienten und Professionalität im Operationssaal, durch die ich auch im Notfall Ruhe bewahren kann.

Haben Sie in der Neurochirurgie Ihren Traumberuf gefunden?

MOKRY: Ja, denn für mich ist jede Operation wie die Erstbesteigung eines Berges: Man dringt in Regionen vor, die vorher noch kein Mensch gesehen hat. Es ist immer eine Einsicht in ein noch nie erblicktes Gehirn und daher jedes Mal wieder eine Faszination.

Kommentare (1)
wolf1949
0
2
Lesenswert?

Ein Paganini unter Neurochirurgen

Prof.Dr.M.Mokry hat mir vor 6 Jahren das Leben gerettet und dafür werde ich ihm für immer dankbar sein. Er hat- als einer der besten Neurochirurgen der Welt- nicht das menschliche vergessen- die Einfühlsamkeit, die den meisten Ärzten leider fehlt. Danke !!!
M.Pinkas