Wenn Felix Gall heute ein großer Heimatempfang bereitet wird, ist das die landesübliche Danksagung für herausragenden Sporterfolg. Dass der Geburtsort sich per Grundstücksgeschenk anschließt, zählt hingegen schon aufgrund der Immobilienpreise eher zur Vergangenheit. Der Glücksfall Felix Gall aber bietet eine Jahrhundertgelegenheit für Osttirols Zukunft. Mehr als jeder Skifahrer es könnte, nutzt der Radsportler seiner Heimat als Botschafter. Land, Bezirk und Stadt müssen diese strategische Chance erkennen. Die verantwortlichen Politiker dürfen nicht bloß taktierend am Jubel um den Star teilhaben.

Zielort Lienz am Geld gescheitert

Die Voraussetzungen dafür sind ideal. Lienz hat sich konsequent als Radstadt positioniert. Franz Theurl, Obmann des Tourismusverbandes Osttirol, veranstaltet seit vier Jahrzehnten Rennen. 1994 und 2011 gab es hier spektakuläre Etappen des Giro d’Italia, der nach der Tour de France zweitwichtigsten Rundfahrt. Im Umfeld – Villach 1987, Salzburg 2006, Innsbruck 2018 – fanden die drei Radweltmeisterschaften in Österreich statt. Doch es gibt einen intensiven Standortwettbewerb. Die Giro-Königesetappe ging heuer auf die Drei Zinnen in Südtirol, das -Bergzeitfahren auf den Monte Lussari nahe Kärnten. Ein fix geplanter Zielort Lienz scheiterte am Geld. Im Wahlkampf fehlten plötzlich 250.000 Euro vom Land Tirol.

Einmalige Chance

Gall hat gezeigt, wie sehr hier am falschen Platz gespart wurde. Die Tour gilt als global drittgrößtes Sportevent nach Olympia und Fußball-WM. Anders als Skifahren ist Radfahren eine Weltsportart. Der ideale Sommer-Komplementär zur Winter-Athletik. Das zeigen französische und italienische Orte, die sich über Tour-Etappen und Skiweltcup vermarkten. Lienz könnte sich als die einzige deutschsprachige Stadt in diesem Wettbewerb positionieren. Auswärts dürfen sie dann "am Großglockner" anfügen.

Den Giro zurückholen

Voraussetzung dafür aber ist, dass Radsport jenen öffentlichen Stellenwert erhält, den er aufgrund der Zahl von Ausübenden, seinem Stellenwert für den Verkehrswandel und für die Volksgesundheit ohnehin längst haben müsste. Dazu braucht es massenmediale Wahrnehmung. Doch die Zuglok TV fehlt in Österreich. Dem ORF sind die Übertragungsrechte zu hoch. Die Politik darf die dadurch bis zur Ignoranz verzerrte Perspektive nicht übernehmen, sondern muss dagegenhalten – aus sportlichen, gesundheitlichen, touristischen, wirtschaftlichen und regionalen Perspektiven.

An Osttirol und Franz Theurl wird es nicht liegen: Das Land muss helfen, dass der Giro 2025 wieder nach Lienz kommt. Auch dann, wenn ihn Felix Gall wegen eines Tour-Starts auslassen sollte. Es geht um mehr als ihn.

Peter Plaikner
Peter Plaikner © KLZ