Seit fünf Jahren arbeitet der Verein Raubaum gemeinsam mit dem fischereiberechtigten Stift St. Paul daran, den Wildfischbestand in der Unteren Lavant wissenschaftlich fundiert zu stärken. Diese Bemühungen wurden jäh zunichte gemacht, als in der Nacht auf den 8. März nach einem Störfall stundenlang ungeklärtes Industrieabwasser der Mondi-Papierfabrik in den Fluss gelangte. Eine behördliche Befischung belegt nun das massive Fischsterben.
Video: Fische erstickten qualvoll
Ökofolgen für Jahrzehnte
„So eine große Vernichtung hat es noch nie gegeben in jüngerer Zeit. Es wird Jahrzehnte dauern, bis sich das wieder erholt hat“, sagt Emanuel Schwabe vom Verein Raubaum und betont, dass ein einfaches Nachbesetzen nicht funktioniert. Durch den Verlust von Kleinstlebewesen fehle den Fischen die Nahrungsgrundlage. Zudem seien die verendeten großen Fische „perfekt ans System angepasst“ gewesen – und damit auch ihre Nachkommen.
Auch Silvia Kostmann (BH Wolfsberg, Wasserrecht) sieht das Problem: Man sei bei der Verbesserung des Wildfischbestands „um Jahre zurückgeworfen“ worden. Betroffen ist auch das LIFE-Projekt „Lavant: Lebensraumvernetzung für gefährdete Kleinfischarten“ bei St. Paul.
Seltene Fischarten hatten in der Unteren Lavant eines ihrer letzten Refugien, weiß Schwabe. So etwa der Semling – auch Hundsbarbe genannt – mit seiner österreichweit größten und bedeutendsten Population sowie der Steingreßling, ein Bodenfisch, der hier seine Schlüsselpopulation hatte. Beide Arten gelten in Österreich als vom Aussterben bedroht.
Bis zu 99,9 Prozent Verlust
Die Abteilung 8 des Landes Kärnten ließ die Untere Lavant zwischen St. Andrä und Lavamünd befischen. Die Auswertung bestätigt: „Es ist ein erhebliches Fischsterben aufgetreten.“
Insgesamt wurden an sechs Untersuchungsstellen biologische Beweissicherungen durchgeführt, inklusive einer Referenzstelle 800 Meter flussauf der Einleitung. Dort wurden massenweise Schneider (eine Fischart) angetroffen. „In Summe errechnet sich eine Abundanz von rund 24.600 Individuen pro Hektar – davon über 23.800 Schneider – und eine Biomasse von 184 Kilogramm pro Hektar“, heißt es im Bericht. Zehn Arten fand man dort. Der Altarm unterhalb der Einleitung hingegen wies nur 25 – also fast 1000 Mal weniger – Individuen (ausschließlich Schneider) und nur rund 0,3 Kilogramm Biomasse pro Hektar auf.
Video: Befischung der Unteren Lavant
Auch 2,2 Kilometer flussabwärts war die Fischdichte mit rund 830 Individuen pro Hektar deutlich geringer als in der Referenzstrecke, die Biomasse lag bei 68 Kilogramm pro Hektar. Es konnten acht Arten nachgewiesen werden. In der Restwasserstrecke unterhalb der Wehranlage St. Paul, 4,8 Kilometer flussab, waren es 5300 Individuen beziehungsweise 16,1 Kilogramm pro Hektar. Die geringe Biomasse erklärt sich durch die deutlich kleinere Durchschnittslänge des häufigsten Fisches, des Aitels, mit 7,9 Zentimetern im Vergleich zu 27,8 Zentimetern in der Referenzstrecke.
Beim Pegel Krottendorf, 12,8 Kilometer flussab der Einleitung, wurden nur sieben Fische aus drei Arten gefangen. Umgerechnet auf den Hektar beträgt die Abundanz 140 Individuen und die Biomasse 0,4 Kilogramm, deutlich weniger als im Oktober mit 3200 Fischen und 21 Kilogramm. Vor der Mündung in die Drau sind die Fangzahlen ähnlich niedrig: 560 Individuen und 2,6 Kilogramm Biomasse pro Hektar. Vom Semling oder dem Steingreßling ging nirgends ein Exemplar ins Netz.
Und jetzt?
Schwabe spricht von einem „immensen Aufwand von Artenschutzseite mit ungewissem Ausgang“, der jetzt anstünde. Ökosysteme seien eben komplex. Eine Wiederbesiedelung der Unteren Lavant durch Fische aus der Oberen Lavant oder Nebenflüssen wie dem Granitzbach sei zwar denkbar. „Um den Fischen überhaupt eine Chance zu geben, wieder Populationen zu bilden, braucht es jetzt verstärkt strukturelle Verbesserungen des Lebensraums – etwa durch Aufweitungen“, so Schwabe. Die Umweltkatastrophe liefert dafür ein weiteres Argument: Laut Günther Weichlinger (Landesabteilung 8) zeigte die Befischung, dass das Fischsterben Haupt- und Seitenarme unterschiedlich traf, da sich die Mischlauge nicht gleichmäßig verteilte.
Welche Konsequenzen für die Firma Mondi aus der Umweltkatastrophe entstehen, bleibt abzuwarten. Diese hatte bei Bekanntwerden des Umweltskandals eingestanden, dass es „zu einer Produktionsstörung gekommen ist, in deren Folge ein Überlauf an Mischlauge in das interne Abwassersystem und anschließend in die zentrale Kläranlage Mettersdorf gelangte“. Dies führte „zu einer Überlastung der Kläranlage“. So floss die tödliche Fracht in den Fluss.
Seitens des Stifts St. Paul heißt es, man anerkenne, „dass das Krisenmanagement des Verursachers rasch gegriffen hat und der Störfall eingedämmt werden konnte“. Dennoch sind die ökologischen Auswirkungen der eingetretenen Immissionen erheblich und betreffen ein sensibles Gewässerökosystem, das uns seit Jahrhunderten anvertraut ist. Als Fischereiberechtigter erwarten wir eine umfassende, transparente und lückenlose Aufklärung durch alle beteiligten Stellen.“
Als gerichtlich beeideter Sachverständiger fordert Ulrich Habsburg-Lothringen eine „gerechte Schadensvergütung“. Durch das Fischsterben sei auch die Nahrungsgrundlage der Fischotter weggefallen. Diese würden nun „flussaufwärts ziehen“, was den Bestand zusätzlich belaste. Für ihn ist klar: „Ist die Lavant zu 50 Prozent geschädigt, müssten auch 50 Prozent der Fischotter entfernt oder mit zusätzlicher Nahrung versorgt werden.“
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