32 Jahre lang hat Mara Schellander-Praster nur wenig gesehen. „Aber ich dachte, das ist normal, weil ich kannte ja nichts anderes.“ Sie trug extrem starke Brillen, absolvierte die Schule mit Auszeichnung und schloss drei Berufsausbildungen ab. „Als Gärtnerin, Floristin und Zahnarztassistentin.“ Erst viel später „als meine Netzhaut zu bluten begann“ kamen die Ärzte drauf, dass die Kärntnerin eine seltene Erkrankung hat und ihr Sehnerv schwer fehlgebildet ist. Da war Schellander-Praster bereits 32 alt und zweifache Mutter. Von einem Tag auf den anderen hat sich ihr Leben dramatisch verändert: Sie ist völlig erblindet. „Nach der Netzhautblutung verlor ich mein Sehvermögen.“ Und das als alleinerziehende, berufstätige Mama zweier Mädchen im Volksschulalter.
Wie schafft man das? „Ich hatte keine Chance, lange verzweifelt zu sein. Ich hatte ja zwei kleine Kinder“, sagt sie heute im Alter von 54 Jahren. Ihre erste Überlegung war: „Wie kann ich als blinde Frau den Alltag schaukeln, ohne meine Kinder zu sehr zu belasten?“ So habe sie beispielsweise Spiele erfunden. „Beim Einkaufen konnte ich ja das Brot nicht sehen, welches Kind das Brot zuerst gefunden hat, war Brotchampion. Wer die Butter fand, war Butterchampion.“ Aber so leicht, wie sich das anhört, war das alles natürlich nicht. Schellander-Praster sagt ganz nüchtern: „Mir und meinen Mädchen, uns dreien, ist einfach nichts anderes übrig geblieben, als zurechtzukommen.“
Blind
Sie wohnten damals in Villach. „Beide Kinder waren im Hort. Zum Glück gab es die Tante Ulli, die uns unglaublich viel geholfen hat. Sie wurde zur wichtigsten Person für uns. Ohne diese Betreuerin hätten wir es nicht geschafft.“ Beide Töchter sind heute erwachsene Frauen: eine ist Juristin, die andere Betriebswirtin.
Die Erblindung hat auch Schellander-Prasters berufliches Dasein völlig verändert. „Wie sollte ich als blinde Frau als Zahnarztassistentin oder Gärtnerin arbeiten? Das war unmöglich.“ Also machte sie die Studienberechtigungsprüfung und begann, an der Universität Klagenfurt Medien- und Kommunikationswissenschaften zu studieren. Damals schaffte sie sich auch einen Assistenzhund an, der sie immer in die Hörsäle begleitet hat. Dort – an der Uni – fand sie auch ihre neue berufliche Zukunft. „Ich habe beim Projekt von persönlicher Assistenz für Menschen mit Behinderung mitgearbeitet“, sagt die 54-Jährige. „2007 habe ich dann die Leitung übernommen und die persönliche Assistenz für Menschen mit Behinderung in ganz Kärnten aufgebaut, am Arbeitsplatz, in der Schule und im Privatbereich.“ Zu Terminen und Vorträgen fuhr sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln – immer an ihrer Seite war Luis, ihr Assistent auf vier Pfoten. Als der Labradoodle starb, lebte sie lange ohne Assistenzhund.
Assistenzhund
Mittlerweile wohnt Mara Schellander-Praster in Klagenfurt. Weil sie noch andere, massive gesundheitliche Probleme hat, ist sie mittlerweile im Ruhestand. Langweilig wird ihr dabei nicht. Seit kurzem wird ihr Pensionisten-Leben sogar wieder von einem tierischen Helfer bereichert: „Filou“ - ihrem neuen Blindenführhund. Er ist ein Labrador mit frechem Blick und folgsamer Art. „Der Hund gibt mir so viel Freiheit und Sicherheit“, sagt die Kärntnerin. Sie trainiert täglich mit ihm. „Er nimmt mir viel ab, ich kann leichter und gelöster gehen, er zeigt mir Treppen, Bordsteinkanten, Zebrastreifen, Haltestellen, Sitzbänke und Lifte an und ermöglicht mir auch, Wege zu gehen, die ich noch nicht kenne.“ Die Ausbildung für Assistenzhunde ist sehr teuer. Deshalb hat der „Verein Kärntner in Not“ die Schulungen, Kurse und Prüfungen von „Filou“ finanziell unterstützt. Schellander-Praster sagt: „Ich danke allen Sponsoren.“
Vorurteile gegenüber Blinden
Und bei der Gelegenheit hat sie auch eine Bitte: „Manchmal geht der Hund ganz nahe bei mir ohne Leine, das machen wir zum Üben. Bei vielen stößt das auf Unverständnis, ich ersuche aber um Verständnis dafür.“ Wenn sie hin- und wieder erkläre, dass „Filou“ ein Blindenhund ist, bekomme sie auch schon mal seltsame Antworten, wie: „Sie schauen ja gar nicht blind aus.“ „Wie schaut denn ein Blinder aus?“, fragt Schellander-Praster dann. Ihr Appell: „Anscheinend gibt es immer noch Klischees und Vorurteile. Es wäre schön, wenn das aufhört.“