Michael* hat nur einen Wunsch. Einen, der nicht mit Einkäufen oder Geld zu erfüllen ist. „Ich möchte Freunde haben“, flüstert Michael. „Aber das geht nicht, weil die anderen Kinder sagen immer: Ich bin behindert.“
Der elfjährige Blondschopf hat das Asperger-Syndrom, eine spezielle Form von Autismus. „Michael reagiert auf normale Alltagssituationen völlig unangemessen. Es fehlt ihm einfach an Einfühlungsvermögen“, erklärt Michaels Mutter. „Mein Sohn kann die Mimik und Gestik anderer Menschen nicht richtig deuten.“ Er muss das lernen wie andere eine Fremdsprache. Wenn Michael angelächelt wird, weiß er nicht, dass dies Freundlichkeit bedeutet. Wenn ihn jemand in die Augen schaut, kann es sein, dass er Angst bekommt und wegrennt. Das macht es natürlich schwer, Freunde zu finden.
Ausgegrenzt
„Michael braucht so viel Struktur und Regelmäßigkeit, wie möglich. Jede noch so kleine Veränderung ist für ihn die Hölle.“ Eine neue Baustelle vor der Wohnung oder ein Geräusch, das er nicht kennt, bringen Michael schon durcheinander. „Diese Hürden lauern überall“, sagt Michaels Mutter. Ihre Augen wirken müde, ihr Körper ist ausgezerrt. Der Alltag mit Michael ist für die Alleinerzieherin kräfteraubend. Aber nicht nur wegen Michaels Beeinträchtigung, sondern auch wegen der Gesellschaft. „Wie mit meinem Kind von klein auf umgegangen wurde, hat mir oft wehgetan“, gesteht die hagere Frau. So weh, dass sie es nie vergessen hat: Etwa wie der Kinderarzt gesagt hat, Michael sei nur deshalb verhaltensauffällig, weil sie Alleinerzieherin ist. Oder wie Michael aus dem Kindergarten geworfen wurde, weil er mit so vielen Kindern überfordert war.
Erst viel später diagnostizierten die Fachleute, dass Michael eine angeborene Entwicklungsstörung hat. „Die Botschaft an mich und Michael lautet sehr oft: Wir wollen Euch nicht. Schaut, wie Ihr weiterkommt“, fasst die Mutter zusammen. Das war auch jetzt wieder so ähnlich, als Michael von der Volksschule aufs Gymnasium wechseln wollte. Der Bub ist nämlich sehr begabt, was bei Asperger-Autisten öfters vorkommt. „Fürs Gymnasium hätte er allerdings einen Assistenten gebraucht, der ihm in schwierigen, emotionalen Situationen hilft. Aber diesen Assistenten bekamen wir nicht“, erzählt die Mutter. Für Michael sei eine Welt zusammengebrochen. Michael, der Archäologe werden will. Michael, der sich stundenlang Ausgrabungen anschaut. Michael, der Ausstellungstafeln auswendig lernt. Dieser Michael konnte oder durfte plötzlich nicht aufs Gymnasium gehen.
Herzoperation
Alleinerzieherin sein, das heißt auch: all diese Enttäuschungen, all diese Ablehnung, all diese Verletzungen alleine zu ertragen. Mittlerweile fand die Frau zwar eine andere, viel geeignetere Schule für Michael, doch die ist in einer anderen Stadt. Deshalb müssen Mutter und Sohn nun umziehen. Was die Alleinerzieherin an ihre finanziellen Grenzen bringt. Denn arbeiten kann die 50-Jährige schon seit Jahren nicht mehr, weil Michael ihre ganze Energie braucht.
Dazu kommt, dass sie selbst gesundheitlich schwer angeschlagen ist: Sie hat eine schwere Herzoperation hinter sich und wenn sie zwei Stockwerke zu Fuß geht, ist die Frau schon völlig geschwächt. Invaliditätspension bekommt sie trotzdem keine. Daher lebt sie von Notstand und Michaels Pflegegeld. Der Umzug, die Kaution, der Möbelkauf – das alles ist für die Betroffene ein finanzieller Kraftakt. „Doch ich werde das meistern“, ist sie zuversichtlich.
„Michael und ich machen jetzt einen Neustart in einer neuen Umgebung. Wir gehen diesen Weg gemeinsam“, sagt die Frau. Ein zaghaftes Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht, dann sagt sie, fast hoffnungsvoll: „Vielleicht findet Michael in der neuen Stadt ja Freunde und alles wird ein bisschen besser.“
*Name von der Redaktion geändert
MANUELA KALSER