Die letzte Reise von Franziskus beginnt am Grab des Apostels Petrus. Zwölf Träger schultern kurz vor zehn Uhr den Sarg aus Zypressenholz, tragen ihn aus der Peterskirche ins Freie und setzen ihn auf den Stufen davor ab. Und da steht die schlichte Truhe mit dem toten Papst dann inmitten von Lichtern, Litaneien, dem wogenden Rot der Kardinäle und dem gleißenden römischen Travertin, und die Mächtigen dieser Welt, Amerikas Präsident Donald Trump, Lula der Brasilianer, Wolodymyr Selenskyj aus Kiew und die anderen Großen sehen den Wind sanft in den Seiten des Evangeliars blättern, das auf dem Sarg liegt.
Franziskus hatte sich ein bescheidenes Begräbnis gewünscht. Das war sein Stil. Er wollte ein Hirte sein, der wie seine Herde riecht. Brüsk hat er gleich zu Beginn seines Pontifikats vor zwölf Jahren allen Prunk und Pomp abgelehnt. Das hatte vor dem Begräbnis die Spekulationen befeuert. Aber wer für die Totenmesse eine letzte, machtvolle Geste der Demut erwartet hatte, der wurde eines Besseren belehrt.
Es ist ein Requiem, festlich und päpstlich, wie es die Kirche schon seinen Vorgängern bereitet hat, dem scheuen, 2013 zurückgetretenen Theologieprofessor Benedikt XVI. und Johannes Paul II., dem visionären Polen, von dem sie in Italien bis zum heutigen Tag reden wie von einem Naturereignis.
Der Tod macht alle gleich, selbst die Päpste. Und so gibt der Ritus am Ende auch dem Abschied von Jorge Mario Bergoglio, dem unkonventionellen Argentinier, der sich in kein Korsett zwingen lassen wollte, die angemessene, gehörige Form. Alles hat in der Totenliturgie seinen Moment – der Friedensgruß, mit dem Kardinaldekan Giovanni Battista Re das Requiem eröffnet, der gesungene Psalm 23, „Der Herr ist mein Hirte“, die Lesungen aus der Apostelgeschichte und dem Brief des Paulus an die Philipper und das Evangelium nach Johannes, in dem der Auferstandene Petrus dreimal fragt, ob er ihn liebe und ihm schließlich sagt: „Weide meine Schafe.“
Es ist eine der Schlüsselstellen, mit der die Bischöfe von Rom seit eineinhalb Jahrtausenden ihre universale Vormachtstellung begründen. Dieser Primat eint die katholische Kirche und hat sie alle Stürme überdauern lassen. Und Einheit versucht sie auch an diesem Trauertag zu demonstrieren. Reformgesinnte Kardinäle beten mit Traditionalisten für das Seelenheil des toten Pontifex, selbst die erbittertsten Feinde von Franziskus, die der Vatikanexperte Marco Politi die „Wölfe“ nennt, sind gekommen.
Dabei ist der Machtkampf um die Nachfolge längst entbrannt. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die Zukunft der Kirche. Die wenigsten freilich positionieren sich so offen gegen den verstorbenen Papst und dessen Vermächtnis wie Gerhard Müller, der ehemalige, von Franziskus nicht verlängerte Präfekt der Glaubenskongregation. Nur einen Tag vor dem Begräbnis sagte der deutsche Kardinal, der „Times“, er bete, „dass der Heilige Geist die Kardinäle erleuchtet, denn ein häretischer Papst, der sich jeden Tag ändert, je nachdem, was die Massenmedien sagen, wäre katastrophal“.
Was für andere, respektvolle Worte für den toten Papst findet vor den Hunderttausenden auf dem Petersplatz und den angrenzenden Straßen dagegen Kardinaldekan Re, der die Trauerfeier leitet! Mit fester Stimme würdigt der rüstige 91-jährige Italiener den Verstorbenen, dessen Temperament, starke Persönlichkeit und ungezwungene Art. Mit großer menschlicher Wärme sei Franziskus „tief empfindsam für die Dramen unserer Zeit“ gewesen und habe deren Ängste, Leiden und Hoffnungen geteilt. „Er war ein Papst, der mitten unter den Menschen war und für alle ein offenes Herz hatte.“ Ein Leitmotiv seiner Mission sei die Überzeugung gewesen, „dass die Kirche ein Zuhause für alle ist“, ein Feldlazarett für die Verwundeten dieser Welt.
Auch die unzähligen Friedensappelle des Papstes würdigt Re in seiner Ansprache. Krieg habe der Verstorbene gemeint, sei für alle immer eine dramatische Niederlage. Danach gehe es jedermann schlechter. Es gelte Brücken zu bauen, keine Mauern. Und unermüdlich habe Franziskus sich für Arme, für Flüchtlinge und Vertriebene eingesetzt.
Zu Mittag ist das Requiem zu Ende. Als die Träger den Sarg aufnehmen, brandet Applaus in dem weiten, von Berninis Kolonnaden umfangenen Oval auf. Und Beifall begleitet Franziskus, den Papst der Herzen, auch auf seiner letzten Fahrt im weißen Papamobil durch seine Bischofsstadt Rom vorbei an zehntausenden winkenden, bewegten Menschen über den Tiber hinauf nach Santa Maria Maggiore. Dort, auf den Stufen der von ihm geliebten Marienbasilika, warten Migranten, Obdachlose, Häftlinge und Ausgegrenzte mit weißen Rosen in der Hand auf ihn.
Es ist ein letztes Geleit ganz nach dem Geschmack des Papstes, der mit dem Vatikan und seinem Apparat fremdelte, lieber an die Ränder ging und nicht wie seine Vorgänger in der Peterskirche beerdigt werden wollte. Nahe der Marienikone Salus populi Romani („Heil des römischen Volkes“), vor der er oft um Kraft betete, findet er nun seine letzte Ruhe.