Klima-UpdateEuropa pumpt Milliarden in den Kampf ums Erdöl

EU-Staaten stecken Milliardensummen in den militärischen Schutz des fossilen Energienachschubs. ++ Elektroauto-Förderung von 5000 Euro bleibt auch im nächsten Jahr aufrecht. ++ Wie der Ernährungssektor den Klimawandel anheizt. ++ Klagsdrohungen gegen Straßenbesetzer in Wien.

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Also steigen wir alle auf Elektroautos um und das Klimaproblem ist gelöst. Wäre es das? Eher nicht, auch wenn die öffentliche Diskussion gerne diesen Eindruck erweckt. Zweifelsohne gehört der Mobilitätssektor in Österreich und international zu den größten Treibern des Klimawandels und zweifelsohne ist die Elektromobilität geeignet, einen Teil dieser Emissionen zu reduzieren und den Verkehr ein Stück weit vom Tropf der fossilen Energieträger zu lösen. So hat das Klima- und Verkehrsministerium nun bekannt gegeben, dass auch 2022 die Elektroauto-Förderung  für Privatpersonen (es gibt für einen Neukauf 5000 Euro Zuschuss) fortgeführt wird. Mehr als 167 Millionen Euro will das Ministerium nächstes Jahr insgesamt in die Subventionierung der strombetriebenen Mobilität stecken. Doch die Ursachen der Klimakrise sind umfassender als das Mobilitätsgeschehen auf den Straßen, Meeren und zur Luft. Im globalen Kontext spielt etwa auch die Ernährung eine große Rolle. Sie trägt über Produktions-, Handels- und Verarbeitungssysteme zum Treibhausgasausstoß der meisten gängigen Sektoren bei – das reicht von Landwirtschaft und Entwaldung bis zu Industrie und Verkehr. 

Wie groß der Anteil des Ernährungssektors an den globalen Treibhausgasemissionen in Summe ist, dazu existieren die unterschiedlichsten Berechnungen und Schätzungen. Wissenschaftler des internationalen Institute for Agriculture and Trade Policy (IATP) wollten es für Europa genauer wissen und haben in einer zu Wochenbeginn erschienenen Studie die europäischen Fleisch- und Molkereikonzerne unter die Lupe genommen. In Summe sei ihr Klima-Fußabdruck mit dem der größten Akteure aus dem Bereich der fossilen Brennstoffe vergleichbar, resümieren die Forscher. Berücksichtigt man die gesamten Lieferketten, waren die 35 größten Rinder-, Schweine-, Geflügel- und Molkereibetriebe der EU und Großbritanniens 2018 zusammen für eine Treibhausgasmenge verantwortlich, die fast sieben Prozent aller Emissionen der EU-28 entspricht. Die 20 größten Betriebe alleine tragen einen Treibhausgas-Rucksack, der so groß ist wie jener von 48 Prozent des europäischen Kohlekonsums. Das entspricht mehr als der Hälfte der gesamten französischen Emissionen oder rund dem Dreifachen der österreichischen.

Die Emissionen (in Tonnen CO₂-Äquivalenten) der 20 größten Fleisch- und Molkereibetriebe der EU im Vergleich zum Treibhausgasausstoß einzelner Staaten Foto © Quelle: IATP/UNFCCC

Die Studienautoren bemängeln, dass nur wenige der untersuchten Konzerne Pläne zur Verbesserung ihrer Klimabilanzen vorgelegt hätten. Sie seien, anders als etwa Mineralölfirmen, bisher nicht im Fokus der Politik gestanden.

Militärmissionen zum Schutz der Ölreserven

Sehr im Fokus des politischen Interesses ist dagegen nach wie vor der Zugang zu den fossilen Rohstoffen des Planeten. Nicht nur, dass die EU-Staaten jährlich mehr als 400 Milliarden Euro für den Import hauptsächlich fossiler Energieträger wie Erdöl und Erdgas aufwenden. Sie investieren auch enorme Summen, um sicherzustellen, dass das so bleiben kann. So hat ein Rechercheteam von Greenpeace Europa zutage gefördert, dass rund zwei Drittel der Militärmissionen der EU-Mitglieder auch dazu dienen, den Zugriff auf die Öl- und Gasversorgung zu sichern. Seit 2018 haben Italien, Spanien und Deutschland alleine mehr als 4 Milliarden Euro dafür aufgewendet, heißt es im Bericht (zum freien Download gibt es ihn hier). Zwar dienen die Militärmissionen nur selten dem alleinigen Zweck der Sicherung des fossilen Rohstoffflusses, doch dieser Aspekt sei oftmals ein wesentlicher Faktor.

Beispiele aus dem Bericht: Die EU-Mission "Atlanta" am Horn von Afrika soll Schiffe vor Piraterie schützen. Das wichtigste Gut, das die dort passierenden Tanker geladen haben, ist Erdöl. Auch die Nato räumt ein, dass es bei dieser Art von Mission auch um "Energiesicherheit" gehe. Die Mittelmeer-Mission "Irini" soll einerseits das Waffenembargo gegen Libyen überwachen. Andererseits werden im Rahmen des Mandats "illegale Erdöl-Exporte" aus dem Staat kontrolliert und legale Erdöl-Exporte gesichert. Solche militärischen Rohstoffsicherungen kosten eine Menge Geld. Alleine Italien wendete dafür heuer laut dem Bericht 797 Milliarden Euro auf, Spanien 274 Millionen, Deutschland 161 Millionen.

Vorgehen gegen Aktivisten

Angesichts dieser Dimensionen macht es sich fast niedlich aus, wenn Wiens Verkehrs- und Planungsstadträtin Ulli Sima (SPÖ) den Aktivistinnen und Aktivisten, die seit Wochen die geplante Stadtstraße in Wien-Donaustadt blockieren, über Anwaltsbriefe Klagen androht. 40 bis 50 entsprechende Schreiben sollen bislang ergangen sein. Die etwas mehr als 3 Kilometer lange Stadtstraße soll die Südost-Tangente mit der S1-Spange Seestadt verbinden. Ob diese aber nach der Absage der restlichen S1 samt Lobautunnel jemals gebaut wird, ist unklarer denn je. Die Besetzer wollen jedenfalls trotz des Winters ausharren. Das will in der Sache auch die Stadtregierung. Über die nun ergangenen Schreiben stellt sie auch Schadenersatzforderungen in den Raum.

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Kommentare (2)
Sheshen
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Korrekt

Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Woher kommt der Strom, mit dem die E-Autos aufgeladen werden? Sicher nicht nur von Windkraftanlagen, Solaranlagen (für die ganze Landstriche und Wasser, siehe China verbaut werden).

Auch die Ernährungsindustrie die (hauptsächlich in jenen oder für jene Länder, die genug zu essen haben um es in Mengen wegwerfen zu können) ist ein riesiger Faktor beim Klimaproblem.

Und dann noch die Lieferketten, Kreuzfahrtschiffe etc.

Meiner Meinung nach, sind wir schon viel zu weit mit der Zerstörung unseres Lebensraumes fortgeschritten um sie noch aufzuhalten. Der Planet wird irgendwann wieder bei Stunde Null beginnen.

melahide
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Es hat

auch niemand ein interesse daran, die Zerstörung aufzuhalten. Das ist die bittere Wahrheit. Was wir in den letzten 50 jahren unseren Planeten angetan haben - alles unter dem Titel "Wirtschaftswachstum", ist nicht mehr gut zu machen und scheinbar will das die Menschheit auch nicht. Das ganze Wirtschaftssystem müsste auf Nachhaltigkeit umgebaut werden. Das wäre ein Ende der Konsum und Wegwerfgesellschaft.