Bitte warten - Ihr Zugang wird eingerichtet.

CoronavirusViele Tote in den Heimen: Europas Schwachstelle in der Krise

Die zweite Corona-Welle schlägt in den österreichischen Pflege- und Seniorenheimen mit deutlich mehr Wucht als die erste zu. Doch in vielen Ländern Europas zeigt sich hier eine tödliche Schwachstelle. Ein Überblick.

Alte und teilweise geschwächte Menschen sind besonders gefährdet © Peter Atkins - stock.adobe.com
 

Wie stark alte und teilweise geschwächte Menschen durch das Coronavirus gefährdet sind, zeigen sich an den Todesraten in den Altersheimen Europas.

Auch in Österreich ist ein massiver Anstieg der Covid-Toten verzeichnet worden. Mehr als die Hälfte aller Covid-19-Opfer in Heimen (323 von 607) wurde alleine in den vergangenen 40 Tagen verzeichnet. Im Burgenland wurden überhaupt 100 Prozent der Corona-Toten in Heimen im Zeitraum vom 1. Oktober bis 12. November verzeichnet, in Niederösterreich waren es 91 Prozent und in Oberösterreich 82 Prozent.

Ein Überblick über die Lage in Europa:

Belgien

Die Seniorenheime sind während der ersten Corona-Krise sich selbst überlassen worden, so der vernichtende Bericht der Organisation "Ärzte ohne Grenzen"

Mitarbeiter der Organisation hatten während der akuten Krise landesweit in 135 Senioren- und Pflegeheimen ausgeholfen. In dem Bericht heißt es, Bewohner und Personal seien auf der ganzen Linie allein gelassen worden.

Rudolf Likar: "Kärnten weit weg von der Triage"

+

Um italienische und spanische Szenarien zu vermeiden, habe man sich in Belgien ausschließlich auf die Krankenhäuser fokussiert. In den Altenheimen habe es kein Schutzmaterial, keine Testmöglichkeiten, zu wenig Personal und kaum medizinische Betreuung gegeben. Erkrankte Senioren seien nur in Ausnahmefällen in Krankenhäuser gebracht worden.

Bei fast Zweidrittel der 9.731 Todesopfer in Belgien handelt es sich laut „Ärzte ohne Grenzen“ um Bewohner von Senioren- und Pflegeheimen. Von den 6.200 Betroffenen seien 4.900 in den Einrichtungen gestorben.

Spanien

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat auch die Zustände in spanischen Seniorenwohnheimen scharf kritisiert. Dringende Maßnahmen seien nötig, um die Bewohner besser zu schützen und zu verhindern, dass es in diesen Einrichtungen in Zukunft wieder eine hohe Zahl von Todesfällen in Zusammenhang mit Covid-19 gebe, warnte die Organisation.

Während der ersten Welle habe es eine "inakzeptable Vernachlässigung" der Insassen von Altersheimen gegeben. Die Virusausbreitung habe ein strukturelles Defizit an Ressourcen, medizinischer Aufsicht und Notfallplanung in den Altersheimen landesweit aufgedeckt.

Nach Angaben des Madrider Ministeriums für Gesundheit starben zwischen dem 6. April und dem 20. Juni 27.359 Bewohner in den mehr als 5.000 Altersheimen des Landes. Diese hohe Sterblichkeit war laut Bericht die Folge ernster Mängel beim Management der Pflegeheime sowie in der Koordination zwischen den verschiedenen Behörden und Betreibern.

Im Bericht wird unter anderem ein Feuerwehrchef zitiert, der Desinfektionsaktionen in Altersheimen geleitet habe. Heimmitarbeiter hätten aus "Angst, die Kontrolle zu verlieren", die Senioren gegen deren Willen zum Teil in den Zimmern eingesperrt, heißt es. "Es gab viele geschlossene Türen, zum Teil mit Schlüssel abgeschlossen, und Menschen, die (an den Türen) klopften und inständig darum baten, rausgehen zu dürfen. Ein Horror".

Schweden

In Schweden ist die Todesrate hoch für insgesamt 10,2 Millionen Einwohner. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres sind rund zehn Prozent der Sterbefälle in Schweden auf Covid-19 zurückzuführen. Damit war die durch das Coronavirus ausgelöste Krankheit die dritthäufigste Todesursache. 

Im Gespräch mit der Kleinen Zeitung äußert sich Staatsepidemiologe und Architekt des Sonderweges Anders Tegnell dazu. "Der Grund für die zu Beginn der Pandemie vielen Toten waren punktuelle Schwachstellen beim Infektionsschutz in Altenheimen, die eigentlich auch ohne eine Pandemie funktionieren muss“, sagt er. Tatsächlich sind sehr alte und oft schwer kranke Menschen besonders gefährdet für Infektionen. Zudem stecken Schwedens Altenheime seit langem in der Kritik wegen der teils haarsträubend schlechten Pflegequalität. 

Italien

Auch Italien hatte bei der ersten Welle viele Tote in Heimen zu beklagen: Eine Studie der lombardischen Gesundheitsbehörden bestätigt eine hohe Anzahl von Coronavirus-Todesfällen in Seniorenheimen. Bis zum 31. Juli hätten sich 14.703 Patienten in lombardischen Altersheimen angesteckt, 3.378 seien gestorben, berichtete der Gesundheitsbeauftragte der Region Lombardei, Giulio Gallera, laut Medienangaben.

Nach Angaben des Obersten Gesundheitsinstituts ISS hatten sich 7,4 Prozent der Personen, die zwischen Februar und Mai 2020 in lombardischen Seniorenheimen gestorben sind, mit Covid-19 infiziert. In Altersheimen in der vom Coronavirus besonders betroffenen Provinz Bergamo lag dieser Prozentsatz bei 16,5. Der Höhepunkt der Todesfälle in den italienischen Seniorenheimen wurde im Zeitraum zwischen 16. und dem 31. März gemeldet.

Die meisten Altersheime seien auf den Umgang mit der Epidemie unvorbereitet gewesen, teilte das ISS-Institut mit. Die Staatsanwaltschaft in der Lombardei ermittelt bereits in mehreren Fällen wegen Missmanagements in derartigen Einrichtungen. Die hohe Sterblichkeit sei auf schlechte Vorbereitung und mangelnde Unterstützung zurückzuführen, lautet der Verdacht.

Der zuvor schon problematische Personalmangel, fehlende Schutzausrüstung für die Angestellten und unzureichende Koordination zwischen Krankenhäusern und Heimen hätten dazu geführt, dass die Gesundheitskrise dort besonders dramatische Auswirkungen hatte, so der Vorwurf von Familienangehörigen der in Seniorenheimen Verstorbenen. Das Krisenmanagement in vielen Heimen sei chaotisch und das Pflegepersonal zu oft auf sich allein gestellt gewesen, kritisieren Hinterbliebene.

 

 


Corona: Wie verhalte ich mich richtig?

Wenn Sie bei sich Erkältungssymptome bemerken, dann gilt zunächst: zu Hause bleiben und Kontakte zu Mitmenschen meiden! Tritt zusätzlich Fieber auf oder verschlechtert sich der Zustand, dann sollte das Gesundheitstelefon 1450 angerufen werden. Bei allgemeinen Fragen wählen Sie bitte die Infoline Coronavirus der AGES: 0800 555 621 .
Die Nummer 1450 ist nur für Menschen mit Beschwerden! Es gilt: Zuerst immer telefonisch anfragen, niemals selbstständig mit einem Corona-Verdacht in Arztpraxis oder Krankenhaus gehen!

Coronavirus-Infopoint

Kommentare (8)
Kommentieren
Ba.Ge.
10
27
Lesenswert?

Ich will keine Unwahrheiten erzählen,

aber für mich ist es logisch, dass - selbst ohne Corona - im Winter mehr Bewohner von Pflegeheimen bzw. allgemein mehr betagte Menschen sterben, als über den Sommer. Weil eben viele ältere Lungenprobleme haben - auch das war bereits vor Corona so - und der Winter selbst einer vitalen Lunge zusetzten kann; also einer bereits geschädigten noch mehr Schaden zufügen kann. Dem war - wahrscheinlich; laut meiner Logik zumindest (hab keine Statistik dazu) - schon immer so. Leider 🤷🏼‍♀️

checker43
4
17
Lesenswert?

Die

sterben eh immer noch, aber jetzt halt noch weitere (viele) durch Corona.

schulzebaue
0
1
Lesenswert?

Also

bisher gibt es keine Übersterblichkeit.

Keine Ahnung woher Sie Ihre Daten haben.

Ba.Ge.
12
15
Lesenswert?

Durch oder mit?

Das ist hier die Frage.

rkobald
6
7
Lesenswert?

Ba. Be.

wir alle leiden unter Corona, daher ist die Fragerei ob AN, MIT oder DURCH völlig Sinnlos. Jeder Tote ist einer zu viel und hat Angehörige die sehr darunter Leiden

Ba.Ge.
4
9
Lesenswert?

Erneute

sage ich: Natürlich ist der Tod eines geliebten Menschen nicht leicht, aber das alle Lebewesen irgendwann sterben (müssen), lernt man im Normalfall schon als Kind und demnach sollte man als Erwachsener mit dieser Tatsache umgehen können.
Da ist auch ein Unterschied, ob man sich von einem über 80jährigen oder vielleicht sogar einen Teenager verabschieden muss, zum Glück gibt es aber wenige junge Corona-Tote und ich kenne einige, die leider auf anderen Wegen ihr Kind/Geschwister/... verloren haben. Natürlich wird man darunter leiden, will man aber nicht selbst daran zugrunde gehen, muss man sich damit abfinden.
Tut mir unglaublich leid, ist aber so.

Wildberry
10
13
Lesenswert?

Ba.Ge.

Völlig egal, jeder tote ist zuviel

Ba.Ge.
13
19
Lesenswert?

Menschen sind leider nicht unsterblich,

Jeder von uns hat ein „Ablaufdatum“. Von 100 Menschen werden leider alle 100 irgendwann sterben 🤔