Was ist mit den Gebeinen von mehr als 20.000 Männern, die in der Schlacht von Waterloo am 18. Juni 1815 gefallen sind, passiert? Das beschäftigt Historiker seit Jahrzehnten. Bis heute stießen Forscher auf gerade einmal zwei Skelette von Soldaten, die im Kampf um Napoleons Vorherrschaft in Europa ihr Leben verloren hatten. Die Überreste von den verbliebenen 19.998 Gefallenen? – Bis heute wie vom Erdboden verschwunden.

Des Rätsels Lösung

Doch nun wollen der belgische Historiker Bernard Wilkin, Robin Schäfer und der britische Schlachtfeldarchäologe Tony Pollard des Rätsels Lösung gefunden haben. In einem Forschungsbericht, den die drei Wissenschaftler vorlegen und der der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Vorfeld zur Verfügung gestellt wurde, schreiben sie, dass die Gräber der Gefallenen rund 20 Jahre nach der Schlacht geplündert worden waren. Der Grund: Die Knochen wurden für die Produktion von Zucker benötigt.

Bis heute stießen Forscher auf gerade einmal zwei Skelette von Soldaten.
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Knochen und ihr Wert

Als Quellen dienten den Experten bisher unerschlossene Berichte und Aufzeichnungen aus belgischen Gemeindearchiven. Zur Erinnerung: Die Schlacht – eine der schlimmsten offenen Schlachten der Geschichte – fand 15 Kilometer südlich des heutigen Brüssel statt.

Die These rund um das historische Rätsel stützen Wilkin, Schäfer und Pollard mit mehreren Argumenten. So soll es bereits zeitgenössische Gerüchte in der Presse rund um den Handel mit menschlichen Knochen gegeben haben. Zudem verzeichnete Belgien ab 1833 einen rasanten Aufstieg der Zuckerindustrie. Die Nachfrage nach Knochen, die in Fabriken als Filter zur Entfärbung von Zucker benötigt wurden, stieg infolgedessen ebenfalls. Mit den Knochen der Gefallenen und ihrer Pferde hätte sich nach damaligen Verhältnissen ein kleines Vermögen verdienen lassen, so die Forscher.