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Kopfgeld ausgesetztIn Wien getöteter Tschetschene betrieb regierungskritischen Blog

Der am Samstagabend erschossene Russe war durch einen regierungskritischen Blog auf Youtube aufgefallen. Die tschetschenische Community in Wien berichtet übereinstimmend, dass ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt gewesen sei.

Der Beschuldigte wurde in Linz festgenommen und in die JA Korneuburg überstellt. © (c) APA/MATTHIAS LAUBER (MATTHIAS LAUBER)
 

Auf Mamichan U. alias Martin B., der am Samstagabend auf einem Firmengelände an der Brünner Straße (B7) in Gerasdorf bei Wien im Bezirk Korneuburg erschossen wurde, war ein Kopfgeld ausgesetzt. Das berichteten Gesprächspartner aus der bzw. mit Bezug zur tschetschenischen Community in Wien in der Nacht auf Montag übereinstimmend der APA.

Der zweite Festgenommene ist gemeinsam mit dem Opfer zum Tatort gekommen. Der Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft Korneuburg, Friedrich Köhl, bestätigte einen Online-Bericht der "Kronen Zeitung" vom Montag.

Es besteht der Verdacht, dass er auch an der Tat beteiligt ist,

sagte Köhl in Bezug auf den Beschuldigten, der sich derzeit in Untersuchungshaft befinde. Dass es sich bei dem Beschuldigten um einen mutmaßlichen Bodyguard handelte, bestätigte Köhl nicht. Ob es bei dessen Waffe eine vermeintliche Ladehemmung gegeben habe, wie die Zeitung berichtete, ließ Köhl ebenfalls offen. "Der Schießsachverständige schaut sich die Waffen noch an", sagte er.

Die Beschuldigten schweigen

Das festgenommene Duo schweigt. Für die Polizei sei die Motivlage weiterhin offen, sagte Roland Scherscher, Leiter des Landesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung Niederösterreich, am Montag auf APA-Anfrage.

Es könnte demnach eine politische Handlung ebenso vorliegen wie etwa ein Streit, sagte Scherscher. Er bestätigte, dass das Opfer an der B7 in Gerasdorf von mehreren Schüsse getroffen worden war. Im Zusammenhang mit der Festnahme des 47 Jahre alten mutmaßlichen Schützen noch am Samstagabend in Linz verwies der LVT-Chef auf dessen Gefährlichkeit. Den polizeilichen Einsatz unter anderem unter Mitwirkung des EKO-Cobra lobte Scherscher ausdrücklich.

Über die Beschuldigten, neben dem 47-Jährigen auch ein zunächst als Zeuge geführter 37-Jähriger, ebenfalls aus der tschetschenischen Community, so Friedrich Köhl von der Staatsanwaltschaft Korneuburg, wurde noch am Wochenende die U-Haft verhängt. Ein Ergebnis der von der Anklagebehörde angeordneten Obduktion des Opfers lag dem Sprecher zufolge am Montagvormittag noch nicht vor.

Opfer und mutmaßlicher Schütze beide vorbestraft

Der Getötete wurde unter anderem wegen Schlepperei, Vortäuschung einer mit Strafe bedrohten Handlung und falscher Zeugenaussage verurteilt. Zuletzt hatte er bis Spätsommer 2019 eine Freiheitsstrafe verbüßt, aus der er Anfang September bedingt entlassen wurde.

Der mutmaßliche Schütze - ein 43 Jahre alter, aus Russland stammender Mann - soll in strafrechtlicher Hinsicht auch kein unbeschriebenes Blatt gewesen sein. Er war in Ansfelden (Bezirk Linz-Land) gemeldet, wo nach seiner Festnahme eine Hausdurchsuchung durchgeführt wurde. Ob dabei Beweismaterial sichergestellt wurde, das in Richtung eines Auftragsmordes deuten könnte, ist unklar. Als gesichert kann gelten, dass der Getötete mit seinem Youtube-Channel, in dem er sich in den vergangenen Monaten äußerst kritisch mit der Führung der russischen Teilrepublik Tschetschenien auseinandergesetzt hatte, den tschetschenischen Regionalpräsidenten Ramsan Kadyrow gegen sich aufgebracht haben dürfte.

Investigativjournalist deckt auf: Opfer sagte gegen Präsidenten aus

Der Investigativjournalist Christo Grozev, der mit dem European Press Prize Investigative Reporting Award ausgezeichnet wurde, deckt in einem Twitter-Thread einige Hintergründe über das Opfer auf. Dem Journalisten zufolge, sagte das Opfer in der ukrainischen Botschaft gegen den tschetschenischen Präsidenten aus.

Regierungskritischer Blog auf YouTube

Es war unter Tschetschenen offenbar ein offenes Geheimnis, dass sich der 43-Jährige mit einem regierungskritischen Videoblog in Lebensgefahr gebracht hatte. Seit April hatte der tschetschenische Ex-Polizist, der seit 2007 als anerkannter Konventionsflüchtling in Österreich lebte, auf seinem Youtube-Kanal insgesamt 29 Videos veröffentlicht, in denen er sich kritisch mit der Führung der russischen Teilrepublik Tschetschenien auseinandersetzte.

Insbesondere den Regionalpräsidenten Ramsan Kadyrow und dessen Familie soll Martin B. beschimpft und teilweise wüst beleidigt haben.

Es war klar, dass das auf Dauer nicht gut gehen konnte,

hieß es gegenüber der APA.

Angeblich kursierten in tschetschenischen Kreisen bereits Berichte über konkrete gegen den Regimekritiker gerichtete Mordaufträge. Auch Summen sollen in diesem Zusammenhang genannt worden sein.

Ramsan Achmatowitsch Kadyrow, der aktuelle Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien. Foto © Wikipedia

Kritik an Kadyrow

Schon Kadyrows Vater war Präsident in Tschetschenien, wurde dann aber 2004 bei einem Bombenattentat in der Hauptstadt Grosny getötet. 

Sein Sohn ist seit Mai 2007 im Amt und ihm werden verschiedene Menschenrechtsverletzungen und Korruption vorgeworfen. Darunter Folterungen seiner Landsleute. Seine Amtsführung kann zudem als diktatorisch und von einem extremen Personenkult um ihn beschrieben werden.

Schon 2004 war in Wien ein geflüchteter Tschetschene, Umar Israilow, auf offener Straße getötet worden, nachdem er Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht hatte und der Klage Skizzen von Folterkellern und Fotos misshandelter Tschetschenen beigelegt hatte. Umar Israilow hatte nach eigenen Angaben zuvor in Kadyrows Leibgarde gedient und war so zu den Informationen gekommen. Israilow hatte damals auch von einer "Todesliste" gesprochen, auf der etwa 500 Personen stünden, die im Auftrag Kadyrows ermordet werden sollen. Der Präsident hatte dies stehts zurückgewiesen und für "Schwachsinn" erklärt.

Opfer sprach von Verbindungen zum Wiener Verfassungsschutz

Dessen ungeachtet dürfte sich Martin B. recht sicher gefühlt haben. Dem Vernehmen nach brüstete er sich mit seinen guten Kontakten zum Wiener Landesamt für Verfassungsschutz (LVT) und behauptete, er werde von Beamten dieser Behörde geschützt. Ob er tatsächlich - wie von ihm verbreitet - mit dem Wiener Verfassungsschutz zusammengearbeitet hatte, ist bisher nicht geklärt.

Fall zu "heikel" für einige Anwälte

Die Brisanz des Mordfalls zeigt sich auch daran, dass der mutmaßliche Schütze und ein weiterer Verdächtiger, die mittlerweile in der Justizanstalt Korneuburg in U-Haft sitzen, nicht von Rechtsanwälten vertreten werden, die in Justizkreisen bekannt dafür sind, dass sie russisch-stämmige bzw. tschetschenische Beschuldigte vertreten. Die Sache sei "zu heikel", meinte einer von ihnen auf APA-Anfrage nach einem möglichen Mandat.

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