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Vergessene Humanitäre Krisen 2019Chronisch, politisch instabil und dennoch kaum beachtet

Zehn humanitäre Krisen, die 2019 keine Schlagzeilen machten, wurden von CARE vorgestellt: Nur ein einziges Land von zehn liegt nicht in Afrika.

Auf Platz eins der vergessenen humanitären Krisen 2019 landete Madagaskar © APA/AFP/MAMYRAEL
 

Die vierte Ausgabe des CARE-Reports "Suffering in Silence - zehn humanitäre Krisen, die 2019 keine Schlagzeilen machten", der am Dienstag in Wien vorgestellt wurde, wartet mit einem Dauergast auf: Zum vierten Mal in ebenso vielen Berichten hat es die Region um den Tschadsee unter die zehn Katastrophen geschafft, über die im Vorjahr am wenigsten berichtet wurde.

Tschad

"Der Tschad ist wirklich ein gutes Beispiel: Das Land liegt auf Platz 186 von 189 Ländern des Human Development Index, es gibt alarmierende Ernährungs- und Sicherheitsdefizite", schilderte Gladys Archange, CARE-Länderdirektorin im Tschad. "Der Tschad ist auch von Ländern umgeben, die sehr instabil sind." Nicht zuletzt deshalb wurde die Krise, die neben dem Tschad den Nordosten Nigerias und Kameruns sowie das Land Niger umfasst, heuer wieder zu dem Begriff Tschadsee zusammengefasst.

Auch das nicht ohne Grund: Der See ist auch Symbol für den Kern des Problems. "Der Tschadsee hat in 50 Jahren 90 Prozent seiner Fläche verloren", sagte Archange. "Er ist von 25.000 auf 2.500 Quadratkilometer geschrumpft." Als eine der Hauptursachen bezeichnete die CARE-Länderdirektorin den Klimawandel. Die Schrumpfung des Sees beraubte zahlreiche Anrainer ihrer Lebensgrundlage, der Fischerei. "Das ist eine Quelle für regionale Konflikte. Bewaffnete Gruppen attackieren ihre Nachbarn", erzählte Archange.

Besonders gefährdet seien Frauen und Mädchen, die viel längere Strecken für Wasser und Brennholz zurücklegen müssen. Dadurch seien sie anfälliger für geschlechterspezifische Gewalt und hätten überdies keine oder zumindest viel weniger Zeit für Schulbildung, und das in einer patriarchalen Gesellschaft, konstatierte Archange.

Die Folgen des Klimawandels, politische Instabilität, lange Dürreperioden, welche die Ernten vernichten, dazu mangelhafte oder komplett fehlende Infrastruktur sind die Ingredienzen für nahezu alle der Katastrophen, die heuer in die "Top Ten" der am wenigsten Öffentlichkeit erreichenden Krisen gekommen sind.

Madagaskar

Auf Platz eins landete Madagaskar. Der Inselstaat ist eines der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder, und dazu eines der ärmsten. Laut CARE leben drei Viertel der Bevölkerung von weniger als 1,70 Euro pro Tag. Dürren wechselten sich mit Schädlingsplagen und Wirbelstürmen ab. Madagaskar habe die vierthöchste Rate an Unterernährung weltweit. Mangelnde Hygiene und schlechter bis kaum vorhandener Zugang zu primärer medizinischer Versorgung, geschweige denn Immunisierung trafen in den vergangenen Jahren auf verheerende Ausbrüche von Masern und saisonales Auftreten der Pest.

Zentralafrikanische Republik

An zweiter Stelle kommt die Zentralafrikanische Republik, über die ebenfalls jedes Jahr in den "Suffering Silence"-Berichten zu lesen war. Das Land ist chronisch Schauplatz eines bewaffneten Konflikts, laut CARE ist die Hälfte der Bevölkerung, rund 2,6 Millionen Menschen, auf humanitäre Hilfe angewiesen. Allerdings sind wegen der unsicheren Situation Hilfsorganisationen in dem Land kaum noch aktiv. Das ist nicht nur in der Zentralafrikanischen Republik ein Problem: "Vor 25 Jahren war eine Jacke mit dem CARE-Logo noch ein Schutz. Das ist heute nicht mehr so", sagte Andrea Barschdorf-Hager, Geschäftsführerin von CARE Österreich.

Sambia an dritter Stelle

Erstmals im Bericht über die vergessenen Krisen ist Sambia - und gleich auf Platz drei -, und das ist ein klassisches Beispiel für die Folgen des Klimawandels. Lange Dürreperioden wechseln mit Extremereignissen, Epidemien und Schädlingsplagen. In Süd- und Westsambia fiel im Vorjahr so wenig Regen wie zuletzt 1981. 2,3 Millionen Menschen benötigen Nahrungsmittelhilfe. Die weiteren vernachlässigten Katastrophen: Burundi, Eritrea. Nordkorea (als einziger nichtafrikanischer Schauplatz), Kenia, Burkina Faso und Äthiopien.

Für den Bericht wurden mit Hilfe des internationalen Medienbeobachtungsdienstes "Meltwater" vom 1. Jänner bis 15. November mehr als 2,4 Millionen Online-Medien-Artikel ausgewertet. Dabei wurden Krisen analysiert, die mehr als eine Million Menschen betrafen. Neben der Online-Berichterstattung in den Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch wurden heuer auch erstmals die Sprachen Spanisch und Arabisch untersucht. Am Ergebnis änderte das Barschdorf-Hager zufolge aber wenig.

Die CARE-Geschäftsführerin sah übrigens nicht nur Schatten: Im Durchschnitt seien die Lebensbedingungen der Menschen weltweit besser als je zuvor. Aber 160 Millionen Menschen seien auf humanitäre Hilfe angewiesen, um überleben zu können. 26 Milliarden Euro sind laut CARE notwendig. "2007 betrug die Summe ein Fünftel", sagte Barschdorf-Hager.

CARE betonte, dass es nicht nur in der Verantwortung der Medien liege, über diese Katastrophen mehr zu berichten. Sie hätten zudem mit schwindender Finanzierung in der Auslandsberichterstattung, einem kleiner werden Korrespondentennetz und sinkenden Werbeeinnahmen zu kämpfen. Politiker und Regierungen müssten Medien auf die Krisen aufmerksam machen, die betroffenen Länder den Zugang gewähren. Und nicht zuletzt liege es auch in der Verantwortung der Hilfsorganisationen selbst.

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