Im Fall Harvey Weinstein hat es offenbar über Jahre eine Mauer des Schweigens gegeben. "Ich wusste, er hat einige dieser Dinge getan", sagte Quentin Tarantinoder "New York Times". Der Regisseur und Drehbuchautor wirft sich selbst vor, nicht früher reagiert zu haben. Seit Donnerstag (Ortszeit) ermittelt die Polizei in Los Angeles wegen Missbrauchsvorwürfen gegen den Hollywood-Mogul.

Schon lange von Übergriffen gewusst

Tarantino distanzierte sich von dem Produzenten und sagte: "Ich wusste genug, um mehr zu tun, als ich getan habe." Er hätte viel früher Verantwortung übernehmen müssen. Der Regisseur arbeitete jahrzehntelang mit Weinstein zusammen. Ihre erste gemeinsame Produktion war "Reservoir Dogs" im Jahr 1992, später folgten "Pulp Fiction", "Kill Bill", "Inglourious Basterds" und "The Hateful Eight".

Tarantino räumte ein, schon lange von sexuellen Übergriffen gewusst zu haben. 1995 habe ihm seine damalige Freundin, die Schauspielerin Mira Sorvino, von früheren Belästigungen erzählt. Er sei damals "schockiert und aufgebracht" gewesen und habe danach von weiteren Fällen gehört, aber nie das ganze Ausmaß der mutmaßlichen Vorfälle erkannt. Er habe die Anschuldigungen verdrängt und als schlechtes Benehmen abgetan. "Alles, was ich jetzt sage, wird wie eine beschissene Entschuldigung klingen", so Tarantino.

Seit Donnerstag (Ortszeit) ermittelt die Polizei in Los Angeles wegen Vergewaltigungsvorwürfen gegen Weinstein. Ein mögliches Opfer sei von der Polizei befragt worden. Nähere Angaben zu dem möglichen Opfer machte ein Sprecher der Polizei zunächst nicht.

Ins Badezimmer gezogen und vergewaltigt

Der "Los Angeles Times" zufolge soll es sich um eine Schauspielerin aus Italien handeln. Die Frau, die auch als Model arbeitet, soll demnach angegeben haben, 2013 in einem Hotel in Beverly Hills vergewaltigt worden zu sein. Weinstein sei nach Mitternacht unangekündigt in ihrem Hotel erschienen, sagte sie dem Blatt. Er sei "sehr aggressiv" geworden, habe sie ins Badezimmer gezogen und dort vergewaltigt. "Als er ging, hat er so getan, als sei nichts passiert", schilderte die Frau. Sie will anonym bleiben.

Der Anwalt der Frau, Dave Ring, kündigte für Freitag (Ortszeit) eine Pressekonferenz an. Seine Mandantin sei den anderen "mutigen Frauen" dankbar, die sich mit Vorwürfen gegen Weinstein zu Wort gemeldet hatten. Diese hätten sie in ihrem Schritt bestärkt, Weinstein mit seiner Tat zu konfrontieren.

Laut "Los Angeles Times" dürfte Weinstein mit dem Fall tatsächlich juristische Probleme bekommen. Denn die mutmaßliche Vergewaltigung ereignete sich innerhalb der zehnjährigen Verjährungsfrist. Die meisten anderen Vorwürfe gegen Weinstein beziehen sich auf Vorfälle, die mehr als zehn Jahre zurückliegen.

Weinsteins Sprecherin Sallie Hofmeister reagierte am Donnerstag auf die neuen Vorwürfe. "Mister Weinstein kann sich natürlich nicht zu anonymen Anschuldigungen äußern, aber er weist Vorwürfe von nicht-einvernehmlichem Sex eindeutig zurück", sagte sie. Neben der Polizei von Los Angeles prüfen auch die Behörden in New York und Großbritannien, ob sie Ermittlungen gegen Weinstein aufnehmen.

"In die Untiefen meines Gedächtnisses gepackt"

Zuletzt hatte auch Oscar-Preisträgerin Lupita Nyong'o (34, "Twelve Years a Slave") angegeben, von Weinstein sexuell belästigt worden zu sein. Er habe sie vor mehreren Jahren zu einem privaten Kinoabend mit seiner Familie in sein Haus eingeladen, berichtete die damalige Studentin in der "New York Times". Doch schon wenig später sei er mit ihr ins Schlafzimmer gegangen und habe ihr eine Massage angeboten. "Ich dachte erst, er mache einen Witz. Das tat er nicht."

Lupita Nyong'o
Lupita Nyong'o © Chris Pizzello/Invision/AP

Sie habe dann zunächst angeboten, ihn zu massieren, um die Kontrolle zu behalten. Als er seine Hose ausziehen wollte, habe sie das Haus verlassen. "Ich habe mein Erlebnis mit Harvey in die Untiefen meines Gedächtnisses gepackt und mich so in das Schweigekomplott eingereiht, das es diesem Jäger erlaubte, so viele Jahre herumzustreifen", schrieb Nyong'o in dem Essay für die Zeitung.

In den vergangenen Tagen haben sich mehr als 40 Frauen mit Vorwürfen von sexuellen Belästigungen bis Vergewaltigungen gegen Weinstein zu Wort gemeldet. Die Brüder Bob und Harvey Weinstein sind seit Jahrzehnten im Filmgeschäft tätig. Ihre Produktionsfirma Miramax verkauften sie an Disney, um danach Weinstein Company zu gründen. Diese steht hinter zahlreichen Hollywood-Erfolgen.