Wehmütig erinnern sich Reisende vom europäischen Kontinent an die Zeiten, in denen sie bei ihrer Ankunft in Großbritannien von Zöllnern mit einem freundlichen Wink zum Passieren aufgefordert wurden. Höchstens wurden sie mal nach ihrem Personalausweis gefragt.
In der Folge des Brexit ist aber in den letzten Jahren die Vorlage des Reisepasses obligatorisch geworden. Verschärfte Warenkontrollen kamen außerdem dazu. Und ab April an muss man sich die Anreise, sei es zu einem Wochenend-Ausflug, zu einem Geschäftstermin oder zu einem längeren Urlaub auf der Insel, erstmals vorab genehmigen lassen vom britischen Staat.
Neue Regeln ab 2. April
Vom 2. April an kann man nämlich nicht mehr einfach, wie früher, mit einem Ausweis in Dover oder Heathrow auftauchen. Erforderlich ist von nun an eine sogenannte Elektronische Reise-Erlaubnis (Electronic Travel Authorisation, ETA).
Damit will die britische Regierung nach eigenem Bekunden sicherstellen, dass von jenseits des Ärmelkanals keine suspekten Ausländer, „wie zum Beispiel Kriminelle“, ins Land kommen. Tatsächlich trägt die Maßnahme aber auch eine Menge Geld zur Sanierung des heimischen Haushalts bei.
Einreise per App
Beim ETA handelt es sich dabei um eine Genehmigung, die sich Reisende per App oder über eine dafür eingerichtete Webseite der britischen Regierung (apply-for-an-eta-uk) beschaffen müssen. Bürger nicht-europäischer Nationen, darunter auch US-Bürger, Australier und Kanadier, brauchen diese Genehmigung schon seit Januar.
Für Reisende aus der EU und der Schweiz gilt die Vorschrift vom 2. April dieses Jahres an. Maximal drei Tage soll es im Normalfall dauern, bis ein solcher elektronischer Antrag genehmigt ist.
Erforderlich sind für den Antrag unter anderem Passfotos, eine Porträtaufnahme und das Einscannen des jeweiligen Passes. Gefragt wird man nach Adresse, E-mail-Adresse, Berufstätigkeit, eventuellen Vorstrafen und doppelten Staatsbürgerschaften. Zu zahlen sind pro ETA 10 Pfund (12 Euro). Das soll demnächst schon erhöht werden auf 16 Pfund (19 Euro).
Ersatz fürs Visum
Die ETA dient als Ersatz für ein Visum. Sie erlaubt Aufenthalte von jeweils bis zu sechs Monaten in einem Zeitraum von zwei Jahren – falls der Pass nicht schon früher abgelaufen ist. Nicht erforderlich ist das Dokument für Durchreisende in Flughäfen, solange sie einen Anschluss im selben Flughafen haben, im Transit-Bereich bleiben und durch keine Zollstelle gehen (etwa um zu einem anderen Flughafen zu wechseln zum Weiterflug).
Ausnahmen
Generell ausgenommen von der Regelung sind irische Staatsbürger. Die Iren genießen aus historischen Gründen Sonderrechte, die in einer „Gemeinsamen Reise-Vereinbarung“ zwischen Großbritannien und Irland festgeschrieben sind.
Da es aber um des nordirischen Friedens willen keine Grenzkontrollen zwischen der Republik Irland und dem zum Vereinigten Königreich gehörenden Nordirland gibt, könnte man theoretisch unbemerkt auf diesem Wege aus der EU nach Großbritannien einreisen. Die britischen Behörden warnen unterdessen, dass sie Kontrollen im Land selbst vornehmen könnten und Einreisen ohne ETA via Nordirland streng bestraft würden. Wie solche Kontrollen aussehen könnten, ist freilich nicht klar.
Heftigen Streit gibt es jetzt schon in Großbritannien, selbst wegen der Höhe der ETA-Gebühren. Die künftigen 16 Pfund entsprechen dem, was die USA von britischen Touristen verlangen auf zwei Jahre hin. Ein Reisedokument zur Reise nach Kanada kostet dagegen nur ein Viertel dieser Summe und ist für fünf Jahre gültig. Australische Einreise-Genehmigungen kosten überhaupt nichts.
Umgekehrt soll Briten, die „nach Europa“ reisen wollen, 7 Euro für die Dauer von drei Jahren abgeknöpft werden. Die unverhältnismäßig hohe britische Gebühr für Gäste vom Kontinent hält die britische Tourismus-Industrie jedenfalls für gänzlich unproportional im internationalen Maßstab, und somit für ziemlich riskant.
Kritik
„Das ist doch ein Schlag ins Gesicht für unsere europäischen Besucher“, meint etwa Richard Toomer, der Direktor des Verbands „Tourism Alliance“. „Und das just zu einem Zeitpunkt, da diese zum allerersten Mal vorab die Erlaubnis zur Einreise ins Vereinigte Königreich einholen müssen.“ Immerhin hänge der britische Tourismus, mit Gesamteinnahmen von 74 Milliarden Pfund im Jahr, wesentlich an den Europäern: „Die Regierung betrachtet Touristen doch nur als ewig melkbare Kuh.“
Auch Großflughäfen wie Heathrow oder Manchester Airport und die Betreiber des Tunnelzugs Eurostar haben gewarnt, dass bei einer solchen Politik die Zahl der Besucher von jenseits des Ärmelkanals künftig radikal abnehmen werde. Brexit-Gegner, die erneute Freizügigkeit zwischen ihrem Land und dem Rest Europas fordern, stöhnen über die immer neuen Beschränkungen infolge des EU-Austritts.
Aber Premierminister Keir Starmer, der sich bis vor fünf Jahren noch leidenschaftlich gegen den Brexit sträubte, fürchtet mittlerweile, dass Labour-Wähler zu den Rechtspopulisten abwandern, wenn sie glauben, dass die britischen Grenzen nicht „gesichert“ sind.