Nikolaus und Krampus

Im ersten Band ihrer 1841 erschienenen Zeitbilder erinnert sich Karoline Pichler (1769–1843), die jahrzehntelang den bedeutendsten literarischen Salon Wiens unterhielt, wie Nikolaustag und Weihnachten um 1780 in ihrem Elternhaus gefeiert wurden. Als Tochter eines wohlbestallten Hofrats und einer Vorleserin am kaiserlichen Hofe genoss sie eine ausgezeichnete Erziehung, da durften natürlich auch so heiß ersehnte Momente wie der Besuch des Nikolaus und seines höllischen Begleiters nicht fehlen. „Der 5. Dezember und mit ihm der Vorabend des Nikolaustages war gekommen. Jetzt ertönte ein lautes Geklingel vor der Tür, diese öffnete sich rasch, ein heller Lichtschein strömte ins Zimmer; und nun trat der Bischof mit der hohen Mütze und dem langen weißen Bart, auch sonst wohl vermummt mit weißer Perücke und Baumwollbart, den goldenen Stab in der Hand, mit feierlichem Anstand herein. Hinter ihm kam der Krampus im schwarzen Pelzrock, mit Hörnern auf dem Kopfe und einer mächtigen Rute, in den Händen einen Sack voll Nüsse. Der heilige Mann prüfte die Kinder aus dem, was sie damals in der Schule lernten, und teilte dann die Geschenke aus. Er drohte wohl auch mit der Rute, die der Schwarze zum Schrecken der Kinder schwang; endlich aber hieß er den Krampus, seinen Sack auszuleeren. Dies geschah dann mit großem Gepolter, zur Freude der Kinder, die auf die herauskollernden Nüsse losstürzten und ihnen in alle Winkel nachkrochen. Diesem Abend folgte nun bald der Weihnachtsabend. Damals war er kein Fest mit duftendem Tannenbäumchen und schimmernden Lichtern, sondern ein Tag der Vorbereitung auf den hohen Festtag, an dem man Enthaltsamkeit und Genuß, Andacht und Vergnügen sinnig zu vereinigen wußte. Streng beobachtete man das Fasten. Es versteht sich, daß in den Häusern, wo man etwas darauf hielt, nicht nur kein Fleisch auf den Tisch kam, sondern daß man auch bloß eine Mahlzeit zu sich nahm, und zwar gegen Abend. Nach dieser gesellten sich gewöhnlich die Freunde des Hauses zur Familie und begingen ein sogenanntes ,Sabbathindl’. Man veranstaltete Gesellschaftsspiele, darunter das wohlbekannte ,Lesseln’. Dann, gegen Mitternacht, begab man sich in die Mette, das heißt in das Hochamt, das um diese Stunde in den Kirchen zum Andenken der Geburt des Heilands gehalten wird, und kehrte hierauf nach Hause zurück. Nichts hielt jetzt mehr davon ab, in Gesellschaft heiterer Tischgenossen ein recht reichliches Mahl zu verzehren. Der Weihnachtstag war ja angebrochen, somit der Genuß der Fleischspeisen erlaubt.“ Unter „Lesseln“ oder „Lösseln“ verstand man Gesellschaftsspiele, die in den Raunächten – „Lößnächten“ – einen Blick in die Zukunft erlauben wollten; dazu zählten Ofenlochschauen, Bleigießen und Schuhwerfen. Bei letzterem Vergnügen saßen die unverheirateten Mädchen mit dem Rücken gegen die Tür und warfen ihren Schuh über den Kopf hinweg. Zeigte die Schuhspitze zur Tür, so galt dies als ein Zeichen, dass das betreffende Mädchen noch im kommenden Jahr als Braut durch diese hinausgehen würde. „Sabbathindl“, den wienerischen Ausdruck für „Christmette“, leitete Volkskundler Gustav Gugitz von italienisch sabbatino („Abendunterhaltung“) ab.

Quellen: Nikolaustag und Weihnachten um 1780: Karoline Pichler, Nikolaus und Krampus, aus: Karoline Pichler, Zeitbilder. Band I. Wien 1841.