Wenn er sich bis zum Äußersten quält, fühlt sich Thomas Frühwirth wahrhaftig frei. Dann ist er bei sich. Sich selbst ans Limit zu führen, spornt ihn an, nicht Medaillen und Ehrungen. „Sport ist für mich ein einfacher Weg, vollkommen im Moment zu sein. Das ist ein unglaublich geiles Gefühl.“ Als er die Auszeichnung zum Sportler des Jahres mit Behinderung erhielt, brachte er das in seiner direkten Art zum Ausdruck. „Natürlich ist es nett, diese Auszeichnung zu bekommen, eine Bestätigung für die harte Arbeit über viele Jahre zu erhalten. Aber ich sehe mich als Leistungssportler und das reizt mich. Ich versuche, 100 Prozent meines möglichen Potenzials auszureizen.“

Dabei ist es ihm selbst am Ende egal, ob Gold, Silber oder Platz zehn dabei herauskommt; war das Duell auf hohem sportlichen Niveau („ein epochaler Kampf“), ist das sein größter Lohn. Darum hat er für seine Medaillen auch keine Vitrine, kein besonders Regal. „Ich habe im alten Kuhstall eine Kiste und da wird das alles hineingeschmissen.“ Wahrscheinlich wird auch der Niki dort neben den Medaillen der Paralympischen Spiele landen. „Ich habe keinen anderen Plan dafür. Höchstwahrscheinlich schon.“ Heuer warf er schon WM-Bronze, EM-Gold und -Bronze (Handbike) und Gold von der Ironman-WM hinein.

Frühwirth will nur für seine Leistung wahrgenommen und geschätzt werden, nicht für Medaillen. Die sind im Parasport aufgrund der unterschiedlichen Klassen nicht zu vergleichen. „Ich habe mich auch nie darum gekümmert, mich zu vermarkten. Ich bin nicht der beste Selbstdarsteller. Es interessiert mich nicht und ich will das auch gar nicht machen.“ Ein breites Verständnis fehlt, auch wenn der Parasport in den vergangenen Jahren mehr Beachtung erfahren hat. „Es geht auch sehr viel um politische Korrektheit. Der Versuch, es gleichstellungstechnisch gut darzustellen.“ Er würde das nicht als falsche Beachtung definieren, „aber bewerten können die Leistungen nur wenige“. Es ist für die Masse eben eine fremde Bewegung und selbst innerhalb des Sportjournalismus sei das Verständnis für die erbrachte Leistung nicht da: „Da gilt: Wer am lautesten schreit, bekommt die Aufmerksamkeit. Das interessiert mich nicht.“ Während andere mit Medaillen hausieren, sieht er sie als Chance, weiter machen zu können. „Nächstes Jahr in Paris geht es darum, dass ich weitere vier Jahre Förderung bekomme und das Spiel weiterspielen kann.“

Im Jahr 2004 zog er sich bei einem Motorradunfall eine inkomplette Querschnittslähmung zu, fand im Triathlon eine neue Herausforderung. „Shit happens im Leben. Aber es ist ganz einfach: Schau nach vorne, es zahlt sich auf jeden Fall aus. Ich habe jetzt 450 Rennen hinter mir und habe so schöne Momente erlebt, von denen hätte ich nicht einmal geträumt.“ Sein Weg mit dem Sport stieß allerdings nicht nur auf Verständnis. „Ich komme von einem Bauernhof. Für meine Familie ist Sport nach wie vor der größte Blödsinn, den du machen kannst. Mit viel Widerstand bin ich meinen Weg gegangen und habe auch viel verbrannte Erde hinterlassen.“ Seinen eigenen Weg zu gehen, würde sich aber auszahlen, sagt der 42-Jährige. Selbst wenn die Erfüllung im „Gartenzwerge sammeln liegt. Egal, was einen anficht. Solange man keinem damit schadet, hat man das Recht, im Leben zu tun, was man will.“