Das bisherige Meisterstück dieser Fußball-WM trägt nicht die Handschrift eines großen Trainerstars des Weltfußballs. Hinter Spaniens Gala gegen Frankreich steckt vielmehr Luis de la Fuente, dessen größte Leistung aber nicht die 90 Minuten dieses Halbfinales waren, sondern die jahrelange Entwicklung einer Mannschaft, die heute wie ein Klubteam funktioniert.

Der 65-Jährige aus der kleinen Region La Rioja ist dabei kein Rekordmann wie Carlo Ancelotti, auch kein Red-Bull-Mastermind wie Ralf Rangnick und schon gar kein Weltmeister als Spieler und Trainer wie Didier Deschamps, dessen hochgelobten Franzosen er nun eine Lektion erteilt hat. Er war vielmehr ein ordentlicher Linksverteidiger bei Athletic Bilbao und dem FC Sevilla und coachte danach wenig erfolgreich in Spaniens dritter Liga. Selbst als der nationale Verband 2013 einen U19-Teamchef suchte, waren prominentere Lösungen wie Fernando Morientes, damals Jugendtrainer bei Real Madrid, im Gespräch. De la Fuente aber bewarb sich, bekam den Job und holte prompt 2015 den Titel bei der U19-EM. Mit dabei schon damals: Spaniens aktueller Kapitän Rodri und Edeljoker Mikel Merino.

Luis de la Fuente wurde von seinen Spielern für den EM-Titel 2024 
gefeiert
Luis de la Fuente wurde von seinen Spielern für den EM-Titel 2024 gefeiert © IMAGO

Diese Geschichte sollte sich fortsetzen. De la Fuente formte eine starke Bande in seinen Jugendauswahlen, wurde mit der U21 auch 2019 Europameister – mit Spielern, die jetzt, sieben Jahre später, Schlüsselrollen bei der WM einnehmen: Mikel Oyarzabal, Dani Olmo, Fabián Ruiz. Unai Simón gehörte schon zum Kader – der Tormann wird oft kritisiert, bei de la Fuente ist er seit jeher trotz Alternativen gesetzt. Denn seine Werte hat er ihnen allen vermittelt, als sie noch Teenager waren.

So gelang ein seltenes Kunststück: De la Fuente erhob eine Nationalmannschaft in den Zustand einer über Jahre eingespielten Klubmannschaft. Aber nicht so, wie das schon zu Spaniens Glanzzeiten gelang, als einfach der überragende Barcelona-Kern um Xavi, Iniesta und Co. mit ein paar Real-Madrid-Stars angereichert worden war. De la Fuentes Startelf gegen Frankreich bestand aus Spielern von acht verschiedenen Klubs. Er hat dieses Team selbst über die Jahre hinweg aufgebaut – und Spanien erntet nun die Lorbeeren: Seit de la Fuentes Amtsantritt als Herren-Teamchef hat er von 48 Länderspielen nur drei verloren, bei Europa- oder Weltmeisterschaften noch gar keines. Aus dem Spiel heraus ist der amtierende Europameister seit über drei Jahren ungeschlagen.

Weil die Verbindungen zwischen de la Fuente und seinen Spielern stärker sind als in Nationalteams üblich, ist beinahe zwangsläufig die Mannschaft der Star. Sinnbildlich steht der bekannteste Spieler dieses Teams, der 19-jährige Lamine Yamal, bei der WM erst bei der mageren Ausbeute von einem Tor und einer Vorlage – und zeigte mit unbedachten Defensivaktionen im Finish gegen Frankreich, dass selbst diese Auswahl noch Luft nach oben hat.

Mit den entscheidenden Toren glänzten dafür de la Fuentes einstige Jugendspieler Mikel Oyarzabal und Einwechselspieler Mikel Merino. „Wir arbeiten alle für das gleiche Ziel und nicht nur für das eines Individuums. Ich habe noch nie eine so vorbildliche Gruppe erlebt, auf dem Platz und neben dem Platz. In 47 Tagen zusammen hatten wir nicht ein einziges Problem“, lobte de la Fuente und vergaß nicht seine Trainerkollegen in der Heimat, die schließlich alle nach derselben Lehre arbeiten würden. Der Teamchef also nur als Spitze eines Systems, das Ballkontrolle, Kollektiv und Spielintelligenz kultiviert.

Vom erstaunlich schwachen Frankreich ist nach dem Aus gegen Spanien die Rede, doch man spielt eben nur so gut, wie es der Gegner zulässt. Hier sticht heraus, wie de la Fuente die beste Defensive des Turniers formte. Gegentore gab es in den sieben bisherigen WM-Partien nur eines. Rodri, seit vielen Jahren der verlängerte Arm des Teamchefs auf dem Platz, dirigiert eine Hintermannschaft, die alles abräumt und kaum Chancen zulässt – und die in bester spanischer Tradition allzu oft selbst die Angriffe einleitet, durch den erst 19-jährigen Innenverteidiger Pau Cubarsí oder den überragenden Marc Cucurella.

Als Goldgriff erwies sich auch, dass de la Fuente zuletzt auf den defensiveren Fabián Ruiz statt des kreativeren Pedri setzte und so Frankreichs Offensivstars ins Leere laufen ließ. „Wir haben gegen eine der besten Nationalmannschaften gespielt, aber die mussten gegen die beste Mannschaft antreten“, erklärte de la Fuente. „Wir sind ein Team.“

Nach dieser Demonstration fehlt also nur noch ein Sieg im WM-Finale am Sonntagabend. Wenn sich die Fußballwelt anschickt, in eine neue spanische Ära einzutreten – mit Luis de la Fuente als ihrem Architekten.