Natürlich sind wir bald beim Thema KI. Unvermeidlich bei jemandem, der sich seit Jahrzehnten mit diesbezüglicher Materie befasst, vor dreißig Jahren das Buch „Architektur Algorithmen“ publizierte und weiter über das digitale Universum nachdenkt: Manfred Wolff-Plottegg .„Das binäre Haus“ ist das zentrale Gedanken-Gebäude des Buchs. Architektur aus dem Computer, korrekter: Architektur umkreisende Ideen, die zu einem realisierbaren Projekt führen können, aber nicht müssen. „Wichtig war mir immer, neue Perspektiven zu finden, den Blick von Scheuklappen zu befreien, blinde Flecken zu beseitigen.“
„Sie kennt keine vorgefassten Bilder“, schreibt Wolff-Plottegg über die Interaktion mit dem Computer. Das sei der wesentliche Unterschied zur KI von heute, die ausschließlich „vorgefasste“ Bilder (re)produziere. Immerhin: „Was sie auf Google über mich sagt, ist ganz okay.“
Der gebürtige Obersteirer ist selbstredend mehr als ein Binär-Prophet der ersten Stunde. Er ist eine der schillerndsten Erscheinungen der (heimischen) Architektur- und Kunstszene. Ein lustvoller Provokateur, unermüdlicher Ideenproduzent und so scharfsichtiger wie scharfzüngiger Analytiker. Wolff-Plottegg hat gebaut. Wohnbauten in Leoben, Seiersberg, Lebring und Gleisdorf, den Medienturm am Gelände des Grazer Schlachthofs, mit markanter Fassade von Peter Kogler. Und umgebaut. Die Schlösser Trautenfels, Eybesfeld und Flamhof, das Feuerwehrmuseum Groß Sankt Florian. Und gestaltet. Beispielsweise gemeinsam mit Günter Brus, Peter Kogler und Peter Weibel das legendäre Wiener Café Korb. Von Wolff-Plottegg stammen die Toiletten.
Ein Rudel Plotteggs ist gefährlich
Lehraufträge und Professuren führten ihn nach Studien in Graz, Paris, Salzburg und Wien nach Linz, Innsbruck, München und Bratislava. An der Wiener TU wirkte er viele Jahre als Professor für Gebäudelehre & Entwerfen und Vorstand des Instituts für Architektur und Entwerfen. Und sorgte dort für frischen Wind, immer wieder auch durch die Engführung von Architektur und Kunst.
Mit Peter Weibel verband ihn eine langjährige kreative Partnerschaft, aber auch mit Hartmut Skerbisch und Hans Kupelwieser – „zwei Jahre jünger als ich, aber mein Onkel“ – entstanden Kooperationen „Jenseits von Kunst“. So der Titel einer von Weibel kuratierten genresprengenden Ausstellung der Grazer Neuen Galerie im steirischen herbst ’97. Gestaltung: Wolff-Plottegg.
„Sich in ein Rudel Plotteggs zu begeben, ist nicht ungefährlich“, heißt es in Friedrich Achleitners Text „Die Plotteggs kommen“. Der österreichische Autor und Architekturhistoriker (1930-2019) umkreist darin die allseits bekannten Siloballen witzig-assoziativ. Solche Ballen ließ Manfred Wolff-Plottegg im steirischen herbst '92 in der Grazer Altstadt landen. Aliens, die von verstörten Grazern (vermutlich keinen Grazerinnen) mit Messer und Feuer attackiert wurden. Sich in ein Rudel Menschen zu begeben, ist also auch nicht ohne.