Was muss ein ÖVP-Generalsekretär können, wie muss er auftreten? Zum Ende seiner insgesamt glücklosen eineinhalb Jahre in dieser Funktion beschrieb Nico Marchetti indirekt ein eher schlichtes Anforderungsprofil. Seine Erklärung, warum er als Generalsekretär abtritt, begann er so: „Ich bin aus Überzeugung Sachpolitiker, ein Politiker der Mitte und mir liegt die feine Klinge mehr als der Bihänder.“ Anders ausgedrückt: Feine Klingen sind offenbar nicht das wichtigste Mittel eines vordersten Parteisoldaten, es geht um bedingungsloses Austeilen gegen den Gegner und rastloses Mobilisieren bis in den letzten Winkel der eigenen Organisation.
Kommt nun also ein Generalsekretär klassischer Prägung? Einen Mann vom Typus Michael Schnedlitz, der bei den Freiheitlichen rücksichtsloser Einpeitscher und Aufräumer von Herbert Kickl ist? Keineswegs. Mit Markus Gstöttner steht bereits der neue Generalsekretär der ÖVP bereit, die Wahl soll am Wochenende auf ihn gefallen sein. Kurz davor wollte Stocker Marchetti noch halten, er fuhr in der vergangenen Woche sogar für eine Rede zu dessen Bezirksparteitag, um sich hinter den von ihm ausgesuchten Generalsekretär zu stellen. Kurz darauf lenkte Stocker ein, am Wochenende soll der Druck aus den Landesparteien zu groß geworden sein – und der parteiintern und medial kritisierte Marchetti sollte durch Gstöttner ersetzt werden. Eine lange diskutierte Alternative zu Gstöttner war Staatssekretär Alexander Pröll, der bereits kurz die Funktion an der Parteispitze innehatte.
Gstöttner ist vieles, aber kein Mann für den „Bihänder“. Der 39-Jährige ist Absolvent des Wiener Schottengymnasiums, einer der angesehensten Privatschulen des Landes, die auch Wolfgang Schüssel, Andreas Treichl und Karl Habsburg besuchten. Er studierte in London an der renommierten London School of Economics, heuerte nach Praktika im Investmentbanking bei der Unternehmensberatung McKinsey an. Phasenweise lebte Gstöttner in Indien, er hatte Projekte in Südafrika und im Libanon, seine Basis war lange der Londoner Nobelbezirk Kensington. Gstöttners Vater ist Primar für HNO-Medizin, seine Mutter Lateinlehrerin. Und aus seinen fünf Jahren im Wiener Landtag ist keine Rede überliefert, die auch nur im Entferntesten unter der Gürtellinie war.
Organisatorisch tief in der ÖVP verwurzelt ist der Wiener nicht, er begann seine Karriere nicht in schwarzen Jugendorganisationen, sondern direkt in der Bundespolitik bei Sebastian Kurz. Das kam so: Gstöttner ist ein enger Freund von Bernhard Bonelli, Kurz-Intimus und auch dessen Kabinettschef im Kanzleramt. Noch bevor Kurz 2017 die ÖVP übernommen hatte, meldete sich Gstöttner, dass er gerne dort andocken würde – unter Kurz als Chef begann er als Wirtschaftsexperte in der Partei, stieg aber rasch auf zum zentralen Wirtschaftsberater und Unternehmer-Netzwerker des Kanzlers.
Von Kurz zu Nehammer
Nach dem Rücktritt von Kurz blieb Gstöttner im Gegensatz zu anderen Urtürkisen, er war Kabinettschef von Karl Nehammer. Diesen Job allerdings gab der Wirtschaftsliberale auf – und zwar, weil er als Wirtschaftsliberaler wenig anfangen konnte mit der Arbeitnehmerbund-zentrierten Politik in der Nehammer-ÖVP, wie man in der Partei hört. Sohin wechselte Gstöttner wieder in die Privatwirtschaft, der Gründer war unter anderem im Biotechnologie-Sektor – aus der ihn Stocker zu Jahresbeginn wieder in die Politik holte, damit er die Stabsstelle für die nun in Grundzügen vorgestellte Föderalismusreform leitet. Mit dem Kurz-Zirkel ist Gstöttner, im Übrigen großer Hiphop-Fan, immer noch im besten Einvernehmen.
Warum also wird Gstöttner nun ausgerechnet Generalsekretär der Stocker-ÖVP? Erstens, heißt es, weil er schon länger als echte Personalreserve der Partei gilt. Gstöttner mag erst als Erwachsener zur ÖVP gekommen sein, inhaltlich verkörpert er den wirtschaftsliberalen und gesellschaftlich rechtskonservativen Flügel gut. Er ist dem katholischen Glauben stark verbunden, viele seine Freunde sind Priester, Gstöttner galt stets als regelmäßiger Kirchgänger. So gesehen ist er nach Jahren, in denen die ÖVP vor allem ÖAAB-Funktionäre in die erste Reihe holte, ein Signal an den rechten Parteiflügel. Dazu kommt, dass er in Verhandlungen als Verbinder gilt – das soll er nun in einer angesichts schlechter Umfragewerte vor Jahren mit etlichen wichtigen Wahlen unruhigen Partei sein. Die ÖVP muss unter anderem ihre Marketing-Abteilung neu aufstellen, Gstöttner soll dabei Prozesse optimieren und die Partei strukturieren.