Und wieder endet eine Weltmeisterschaft für Brasilien gegen ein europäisches Team. Nicht etwa gegen Frankreich oder Spanien, sondern gegen ein Team bestehend aus lauter WM-Debütanten. Als Norwegen letztmalig bei der WM 1998 aufdribbelte, waren überhaupt nur acht Spieler aus dem heutigen Kader gerade einmal geboren. Brasiliens 1:2-Schmach im Achtelfinale gegen die Skandinavier war für viele stolze Kicker des Rekordweltmeisters gar nicht in Worte zu fassen, stattdessen flossen massenhaft Tränen. Wie bei Superstar Neymar, der nach dem frühesten WM-Aus seit 1990 seinen Rücktritt bekanntgab: „Jetzt ist es zu Ende.“ Sein 80. Tor im 130. Länderspiel per Elfer in der Nachspielzeit war als Schlusspunkt dennoch unrühmlich. „Unerklärlich“, seufzte PSG-Kapitän Marquinhos und fügte an: „Wir müssen Verantwortung dafür übernehmen, damit künftige Generationen darauf aufbauen können.“

Neymar konnte sein Unglück nicht fassen, es war ein Abschied unter Tränen
Neymar konnte sein Unglück nicht fassen, es war ein Abschied unter Tränen © IMAGO

Stichwort Umbruch: Der muss in Brasilien jetzt kommen. Und er wird offenbar der 67-jährigen Trainer-Ikone Ancelotti zugetraut, denn sein Vertrag war schon vor der WM bis 2030 verlängert worden, den Rückhalt aus der Verbandsspitze hat er weiter, auch wenn die Kritik aus dem eigenen Land laut ist. Das war sie auch schon vor dem Ausscheiden. Die Nominierung des annähernd dauerverletzten oder angeschlagenen Neymar sorgte für Wirbel, nach dem mageren 1:1 gegen Marokko zum Start wurde der erste ausländische Chef der „Seleção“ bereits in die Pflicht genommen.

Ancelotti, und das muss ihm zugutegehalten werden, hat schon viel erlebt. Auch Rückschläge. Mit seiner Erfahrung soll eine ganze Fußballnation daraus lernen. „Morgen starten wir neu“, sagte er direkt nach Abpfiff in dem Wissen, einige Routiniers auf dem Weg zur WM 2030 zu verlieren. Keeper Alisson wäre dann 37, Marquinhos 35, Danilo 38, Alex Sandro 39 und Mittelfeldmotor Casemiro 38. Hinter allen steht ein Fragezeichen, auch wenn einige sicher noch etwas gutzumachen haben, denn, wie Casemiro es formuliert: „Wir werden für immer jene Generation bleiben, die die WM nicht gewonnen hat.“

Die Analyse muss schonungslos betrieben werden

Auf dem Weg zu neuen Ufern mit frischem Blut wie Rayan, Endrick (beide 19) braucht es aber sicher auch eine schonungslose Analyse, auch den nötigen Realismus in der Aufarbeitung. Etwas, das so noch nicht zu hören war. „Wir haben keine spektakuläre WM gespielt, aber eine gute“, sagte nämlich Ancelotti. Ein Urteil, das wohl die meisten in seiner Kabine so nicht fällen würden.