Können Sie sich noch an Sepp Blatter erinnern? Der 90-jährige Schweizer stand von 1998 bis 2016 dem Fußball-Weltverband FIFA als Präsident vor. Der Funktionär galt lange als das Böse im Fußball. Korruptionsvorwürfe, fragwürdige Geldflüsse und kontroverse Aussagen inklusive. In das Spiel selbst griff er allerdings nie ein, und falls doch, hätte er wenigstens versucht, es zu vertuschen.

Sein Nachfolger ist seit mittlerweile zehn Jahren Gianni Infantino. Und der 56-Jährige, wie auch Vorgänger Blatter ein Schweizer, hat in diesem Jahrzehnt der Fußball-Herrschaft schon mehr „verbrochen“ – manche meinen, die Anführungszeichen könnte man hier auch weglassen – als Blatter in 18 Jahren. Nun hat Infantino aber eine Linie überschritten. Das sehen beinahe alle Fußball-Experten aus aller Welt so. Und selbst die UEFA, der europäische Kontinentalverband, bei dem Infantino seine ersten Schritte als Funktionär gewagt und von wo aus er auch den Aufstieg zum FIFA-Präsidenten geschafft hatte, übte nun heftige Kritik am „Big Boss“.

Der Grund: Einen Tag vor dem WM-Achtelfinalspiel zwischen Co-Gastgeber USA und Belgien (Nacht) gab die FIFA bekannt, dass Stürmer Folarin Balogun für das US-Team spielberechtigt sei. Und das, obwohl der 25-Jährige wegen eines groben Foulspiels im Sechzehntelfinale gegen Bosnien mit glatt Rot des Platzes verwiesen und laut Regelwerk somit zumindest ein Spiel gesperrt gewesen wäre. Der FIFA-Disziplinarausschuss habe jedoch entschieden, nach Artikel 27 des Regelwerks vorzugehen und die Sperre auf Bewährung auf ein Jahr auszusetzen. Der Protest von Belgien wurde abgewiesen. Das Problem an der Sache: Die Rote Karte gegen Balogun war keine klare Fehlentscheidung, die man im Sinne des Fußballs im Nachhinein revidieren hätte können. Im Gegenteil.

Folarin Balogun (rechts) foulte Tarik Muharemovic schwer und wurde ausgeschlossen
Folarin Balogun (rechts) foulte Tarik Muharemovic schwer und wurde ausgeschlossen © AP/Jeff Chiu

Die UEFA meinte: „Der Fußball stützt sich, wie jede andere Sportart auch, auf Regeln, die die Grundlage für einen fairen, ehrlichen und transparenten Wettbewerb bilden. Manchmal lassen Regeln Raum für Interpretationen. In diesem Fall jedoch nicht. Eine automatische Mindestsperre von einem Spiel nach einer roten Karte ist keine Ermessensentscheidung und erfordert keine Entscheidung einer zuständigen Instanz, um in Kraft zu treten. Es handelt sich um einen in den Vorschriften verankerten Grundsatz, der keinen Ausnahmen unterliegen darf – schon gar nicht mitten in einem Turnier, in dem sich mehrere andere Spieler in derselben Situation befanden und ihre Sperre ordnungsgemäß verbüßt haben.“

Und da kommt US-Präsident Donald Trump ins Spiel. Auf seiner Plattform „Truth Social“ schrieb er: „Danke FIFA, dass ihr das Richtige getan und eine große Ungerechtigkeit revidiert habt.“ Internationalen Medienberichten zufolge, die sich auf Insider-Informationen aus dem Weißen Haus berufen, habe es im Vorfeld der Entscheidung Telefonate zwischen Trump und Infantino gegeben.

„Wenn die Gewissheit über die Regeln nicht mehr von den Verantwortlichen gewährleistet wird, steht die Integrität des Spiels auf dem Spiel und die Glaubwürdigkeit eines Wettbewerbs wird untergraben. Ebenso schafft eine solche Entscheidung einen Präzedenzfall im laufenden Turnier, bei dem ähnliche Situationen nun eine gleichwertige Behandlung erfordern, was dem Wettbewerb schadet“, schrieb die UEFA weiter. Und es dauerte nicht lange, da beantragte auch Frankreichs Fußballverband das Zurücknehmen einer gelben Karte gegen Superstar Michael Olise. Im Spiel gegen Paraguay wurde der Bayern-Spieler offensichtlich zu Unrecht verwarnt und könnte damit im weiteren Turnierverlauf gesperrt sein. Auch England überlegt wohl, die Rote Karte von Jarell Quansah aus dem Spiel gegen Mexiko zu beeinspruchen.

USA-Teamchef Mauricio Pochettino begrüßte die Entscheidung, dass sein Stürmer-Star nun doch spielberechtigt war und bastelte sich seine eigene Realität. „Alle, die den Sport wirklich lieben und seiner Integrität vertrauen, feiern diese Entscheidung. Es ist nicht, weil ich der Cheftrainer der USA bin. Ich denke, 99,9 Prozent der Menschen sind sich einig, dass es eine ungerechte Rote Karte war.“ Der belgische Teamchef Rudi Garcia nahm es mit Galgenhumor: „Ich wusste nicht, dass der 5. Juli (Tag der Entscheidung, Anm.) in Amerika wie der 1. April in Europa ist.“

Viel wurde in den vergangenen Jahren über die WM-Vergaben nach Russland 2018 und Katar 2022 gemeckert. Kritik war aus verschiedensten Gründen auch angebracht. In den Sport direkt hatte sich bisher aber noch niemand eingemischt. Bei dieser WM ist dies allerdings seit Beginn gang und gäbe. Einzelnen Spielern oder gar ganzen Teams wurde die Einreise in die USA verwehrt oder massiv erschwert, der Wettbewerb somit verzerrt. Dass nun tatsächlich das Staatsoberhaupt des Gastgeberlandes die Aufhebung einer Rotsperre des erfolgreichsten US-Torjägers angefordert haben soll, überschattet aber alles bisher Dagewesene. Infantino agiert als Marionette von Trump und hat nicht einmal das geringste Interesse daran, das zumindest vertuschen zu versuchen. Auch der sonst so großspurige und – eigenen Aussagen nach – allen anderen überlegene Zlatan Ibrahimovic bewies, dass er doch nicht so groß ist. Er redete in seiner Rolle als TV-Experte bei Trumps Lieblings-TV-Station „Fox“ beim Thema Balogun um den heißen Brei herum, genau wie Co-Experte Thierry Henry. Geld stinkt eben nicht. Selbst, wenn man dafür nur die halbe Wahrheit sagen darf.

Die ganze Fußball-Welt war in der Nacht auf heute auf Seiten der Belgier. Oder besser gesagt: gegen die USA. Auch wenn die amerikanischen Teamspieler am wenigsten dafür können, sollte der oft zitierte Fußball-Gott – sofern er existiert – diesmal ein belgischer „Roter Teufel“ gewesen sein.

Was die Causa Balogun auf jeden Fall beweist: Die USA sind tatsächlich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten …