Die Einladung, die an die Sympathisanten des Rassemblement National (RN) in der nordfranzösischen Stadt Liévin rausging, klang geradezu romantisch: Zu einer fête champêtre, einem sommerlichen Feld- und Wiesenfest, hatten Marine Le Pen und ihr politischer Ziehsohn Jordan Bardella am Wochenende eingeladen, um die Monate der Ungewissheit bei einem kühlen Bier und demonstrativer Einigkeit ausklingen zu lassen. Denn am Dienstagnachmittag entscheiden drei Richterinnen des Pariser Berufungsgerichts über die politische Zukunft der französischen Rechtspopulistin: Es geht um die Frage, ob Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen am 18. April und 1. Mai 2027 wird antreten dürfen.
Es ist ein „entscheidender Tag für den französischen Wahlkampf“, sagt der Politikwissenschaftler Bruce Teinturier, „weil diese Entscheidung weit über das Lager der Partei hinaus ausstrahlen wird“. Damit verstärke sich der Druck auf den Block der Mitte, der nun endlich seine Kandidaten benennen müsste. „Denn sowohl der RN als auch das Unbeugsame Frankreich stehen jetzt in Stellung“, so Teinturier.
Betont gut gelaunt
Le Pen zeigte sich am Samstagabend gut gelaunt und gelassen bei dem Sommerfest in der ehemaligen Bergbaustadt nahe der belgischen Grenze. Falls sie nicht kandidieren dürfe, versicherte sie, werde sie Bardella „mit großer Energie, großer Überzeugung und großem Vertrauen unterstützen“, so die 57 Jahre alte Rechtspopulistin, die schon drei Mal für das Amt der Präsidentin kandidiert hat und zwei Mal in die Stichwahl kam.
Umarmung mit mütterlichem Stolz
Parteichef Bardella betonte seinerseits, dass er hoffe, Le Pen werde „in einigen Monaten zur Präsidentin der Republik gewählt“ und bekräftigte seine „uneingeschränkte Unterstützung“. Sie umarmte ihn daraufhin mit mütterlichem Stolz, als hätte er gerade sein Masterstudium mit Bravour beendet, während Bardella mit geschlossenem Mund verlegen lächelte. Der Termin in Liévin war für die Kameras. Er sollte zeigen, dass der RN trotz anderslautender Gerüchte zusammenhält, im Gegensatz zu den Parteien der politischen Mitte, die sich bislang nicht einmal darauf einigen konnten, wie sie einen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl bestimmen werden.
Le Pen war im März 2025 wegen Veruntreuung von EU-Geldern zu einer Geldstrafe und vier Jahren Haft verurteilt worden. Härter traf sie der Zusatz, fünf Jahre lang nicht für ein politisches Amt kandidieren zu dürfen, und dies mit sofortiger Wirkung. Vor allem um diesen letzten Punkt geht es, wenn die Vorsitzende Richterin des Pariser Berufungsgerichts am Dienstagnachmittag das Urteil verkündet. Die Staatsanwaltschaft schloss sich am Ende des Berufungsverfahrens in ihrer Forderung dem Urteil aus erster Instanz weitgehend an und forderte ebenfalls eine fünfjährige Wahlsperre für Le Pen.
Es gibt jetzt drei mögliche Szenarien: Entweder das Berufungsgericht bestätigt das Urteil aus erster Instanz, dann kann Le Pen nicht antreten. Die zweite Möglichkeit ist, dass die Unwählbarkeit auf zwei Jahre reduziert wird, dann wäre genug Zeit verstrichen und Le Pen könnte im April 2027 antreten. Sollte das Berufungsgericht die Auflage der Unwählbarkeit verkürzen, die Haftstrafe aber nicht wesentlich mildern, müsste Le Pen den Wahlkampf mit elektronischer Fußfessel und harten Auflagen führen, was sie im Vorfeld ausdrücklich ausgeschlossen hat.
Kompletter Freispruch ist unwahrscheinlich
Ein kompletter Freispruch Le Pens scheint mehr als unwahrscheinlich. Im Vorfeld aber hatte Le Pen gesagt, als gläubige Katholikin glaube sie an Wunder. Zuletzt kursierten in Paris Gerüchte, dass sich die Richterinnen für die zweite Option entscheiden könnten. In dem Fall könnte Le Pen wider Erwarten doch kandidieren.
Unabhängig davon tobt im RN längst die Debatte, ob Bardella nicht der bessere Kandidat sei, weil er in den Umfragen inzwischen stabil zwei, drei Punkte vor Le Pen liegt. Der 30-Jährige habe klare Vorteile, aber auch Handicaps, analysiert Brice Teinturier, Chef des Meinungsforschungsinstituts Ipsos. „Bardella ist ein Erbe des RN, ohne den Namen Le Pen zu tragen. Dadurch kann er sich einerseits vom Erbe des Parteigründers Jean-Marie Le Pen abgrenzen, dessen Positionen und dessen Persönlichkeit starke Ablehnung provoziert haben. Andererseits kann er das Parteikapital und die Wählerschaft des RN übernehmen, deren politische Matrix dieselbe ist wie die von Le Pen, das heißt ein rechtsgerichteter, systemkritischer Populismus.“
Erfahrung ist Trumpf
Somit könne Bardella die „Ent-Extremisierung“ der Partei weiter vorantreiben und möglicherweise ältere Wähler der Republikaner (LR) für sich gewinnen, argumentiert Teinturier im Gespräch mit der Kleinen Zeitung. Diese Wählerschaft sei derzeit noch verunsichert angesichts von Le Pens Positionen in Wirtschaftsfragen und auch in Sachen Rente. „Bardella könnte also diese rechte Wählerschaft ansprechen und gleichzeitig die klassische Wählerschaft des RN halten“, so Teinturier.
Ein großes Handicap sei aber seine Unerfahrenheit. „Ich bin fest davon überzeugt, dass Wahlkampferfahrung entscheidend ist. Bei der letzten Präsidentschaftswahl im Jahr 2022 hatten die drei Kandidaten, die die meisten Stimmen erhielten, alle bereits Wahlkämpfe geführt.“ Bardella fehle auch der „human touch“, die menschliche Ausstrahlung: „Le Pen strahlt Nähe aus und vermittelt den Eindruck, die Franzosen mit ihren Sorgen und Nöten gut zu verstehen.“
Spaltung wäre fatal für die Partei
Entschieden wird, ob der RN mit Le Pen und ihrem sozialen Rechtspopulismus oder mit Bardellas wirtschaftlich liberalerer, identitärer Linie in den Wahlkampf zieht. In der Stichwahl, soviel ist sicher, brauchen sowohl Le Pen als auch Bardella die Wähler der unteren Schichten wie auch enttäuschte Konservative. Bardella dürfte das leichter gelingen als le Pen. Nur eine Entzweiung nach der Entscheidung wäre fatal für die Partei.
Teinturier warnt indes davor, von einer abgeschlossen Normalisierung des RN zu sprechen. Bardella sei nicht mit Georgia Meloni zu vergleichen und der RN nicht mit den Fratelli d’Italia. „Der RN steht eindeutig Matteo Salvini näher. Und seine politische Matrix bleibt die Devise vom ‚Volk gegen die Eliten‘“, so die Analyse des Franzosen. „Der RN bleibt eine populistische Partei und er steht dazu“, resümiert Teinturier.