Kleines Rechenbeispiel. In neun Wochen Sommerferien könnte ein Jugendlicher insgesamt 504 Stunden am Handy spielen oder scrollen oder zocken oder sich Pornos anschauen. Und damit in eine Handysucht rutschen. Zu diesem Ergebnis kommt der Psychologe und Gründer der Plattform „Offline Helden“, Florian Buschmann.
Wie werden die Sommerferien nicht zur Suchtfalle?
Laut der aktuellen DAK-Mediensucht-Studie 2026, durchgeführt vom Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, steigt die tägliche Bildschirmzeit an schulfreien Tagen deutlich an. Gaming, Social Media und Streaming zusammengenommen wachsen von 343 Minuten an einem Schultag auf 490 Minuten – das sind gut acht Stunden täglich.
Hochgerechnet auf die neun Wochen Sommerferien
kommt ein Kind so auf rund 504 Stunden Bildschirmzeit. Das sind ganze drei Wochen. „Sommerferien sind etwas Wundervolles. Freie, ungeplante Zeit, wo kreativ neue Dinge und Aktivitäten entstehen können. Menschen, die sich aber diese Zeit nicht richtig einteilen können oder planen können, fallen ganz oft in ein Sommerloch. Plötzlich ist keine schulische Struktur mehr da und jetzt wird natürlich den Medien Tür und Tor geöffnet. Und dann wird man sehr schnell süchtig.“
Handysucht und der Weg zurück
Der 25-Jährige weiß, wovon er spricht, war er doch selbst lange abhängig. „Ich hab am Tag 16 Stunden gezockt, ich habe also gar nichts anderes mehr gemacht und habe lange gebraucht, um da wieder herauszufinden.“ Gelungen ist es am Ende über eine Schulwoche in Rumänien, an der er trotz sehr schlechter Noten teilnehmen durfte. „Dort wieder neu zu lernen, was es heißt, mit anderen zu spielen, Spaß zu haben und damit auch Erinnerungen zu schaffen, hat mich kuriert. Aber der Weg war nicht leicht“, so Buschmann, der mit seiner vor sieben Jahren gegründeten Plattform „Offline Helden“ jährlich mehr als 13.000 Schülerinnen und Schüler in Deutschland, Österreich und der Schweiz erreicht und so niederschwellig versuchen möchte, das Leben im „echten Leben“ wieder attraktiv zu machen. (Wie ein Steirer in seine Gaming-Sucht schlitterte, lesen Sie hier.)
Doch der Status Quo ist bedenklich. „Wir hatten eine große Kooperation mit der Stadt Klagenfurt und dort habe ich mit einem 12-jährigen Mädchen gesprochen, die mir erzählt hat, dass sie keine Freunde mehr treffen will. Sie wollte sich nur noch mit ihrem KI-Freund unterhalten, weil sie sich mit ihm viel sicherer fühlte“, erzählt der Psychologe.
Tipps für Eltern
Für besorgte Eltern aber auch planlose Jugendliche hat er für die kommenden Sommerferien ein paar Tipps bereit.
- Schon vor dem Start der Ferien sollten sich Eltern mit ihren Kindern einen Plan machen: Was willst du machen? Wen willst du treffen? Welche Projekte hast du vor? Danach kann man auch die Medienzeit gestalten, damit man nicht einfach hineinstolpert.
- Ein Verbot des Smartphones ist nicht die Lösung. Es geht um einen Rahmen.
- Auch ein digitales Projekt, wie ein Video zu schneiden vom gemeinsamen Urlaub kann eine Möglichkeit sein.
- Sport ist ein wichtiger Hebel, am besten in Gruppen. Das schafft Gemeinschaft und hier entstehen Erinnerungen, an die man sich erinnert.
Bei dem in Österreich 2026 durchgeführten Handyexperiment schalteten Schüler aus mehr als 600 Klassen ihr Handy für drei Wochen still. Das Ergebnis: Fast alle fühlten sich danach mental besser, hatten weniger traurige Verstimmungen und zwei Drittel der befragten Schüler waren danach der Meinung, ein Social-Media-Verbot wäre gut und sinnvoll. Genau so ein Verbot wird aktuell von der Bundesregierung vorbereitet, kommen soll es in den nächsten Monaten. Buschmann sagt klar: „Aus meiner Sicht sollte niemand unter 16 Jahren auf TikTok sein, aber ein rigoroses Verbot wird trotzdem niemand abhalten, Wege zu einem Social-Media-Account zu finden. Es geht um den Rahmen, es geht um Gespräche und es geht auch darum, Jugendlichen zu zeigen, dass die Selbstwirksamkeit im echten Leben so viel besser ist, als das passive vor sich hin scrollen.“