Wer in sozialen Medien aktiv ist, entkommt ihnen nicht: Reels, also Kurzvideos, rund um psychische Gesundheit sind allgegenwärtig. Mit knackigen Titeln versehen werden komplexe Diagnosen wie ADHS oder Autismus auf wenige Sekunden „Content“ zusammengestampft. „Das sind leider Modediagnosen geworden“, bestätigt Gernot Hilberger, Geschäftsführer des Psychosozialen Netzwerks. Sein Team aus 230 Experten verschiedener Fachrichtungen versorgt die Bezirke Murau, Murtal und Liezen in Sachen psychischer Gesundheit.
Viele kommen mit „fertigen“ Diagnosen
Der Bedarf ist groß: Fast 2000 Klientinnen und Klienten wurden im Vorjahr im Raum Murtal-Murau behandelt, 1650 waren es im Bezirk Liezen. „Und die Zahlen steigen jährlich“, so Hilberger, der selbst klinischer Psychologe und Gesundheitspsychologe ist. Neu sind seit etwa eineinhalb Jahren vermehrt Anfragen von Erwachsenen, die vermuten, ADHS zu haben oder autistisch zu sein. „Viele kommen mit fixfertigen Diagnosen: Ich habe online einen Test gemacht und bin überzeugt, das zu haben. Sie suchen nur mehr die fachliche Bestätigung“, seufzt der St. Lambrechter.
Die Folge des Ansturms: „Wir können nicht mehr in allen Fällen persönliche Termine anbieten – nur bei ärztlichen Verdachtsdiagnosen und entsprechendem Leidensdruck. Wenn jemand anruft, weil er glaubt, etwas zu haben, das geht leider nicht mehr.“
Komplexe Diagnosen
In telefonischen Erstgesprächen werden Symptome und Lebensumfeld abgefragt. Gibt es den begründeten Verdacht, dass wirklich eine krankheitswertige Störung vorliegt, werden die Klienten zu Gesprächen geladen. „Man muss sich bewusst sein: Die Diagnosefindung ist äußerst komplex. Da reicht kein einzelner Termin, und schon gar kein Zehn-Sekunden-Video“, betont Hilberger.
Meist werden in den Videos Symptome genannt, die fast jeder schon einmal bei sich bemerkt hat: Von Perfektionismus über Erschöpfung, von leichter Ablenkbarkeit bis innerer Unruhe. „Die Gefahr ist, dass man sich in solche Diagnosen hineinprojiziert. Damit kann man seine Probleme leicht erklären: Ich habe ADHS, deshalb bin ich so, wie ich bin“, erklärt Hilberger. Dazu kommt: „Social Media ist vielfach die Wurzel des Übels. Es bindet die Aufmerksamkeit, ständig online zu sein sorgt für Stress. Das kann ADHS-ähnliche Symptome auslösen, ist aber kein ADHS.“
Beispiel Prokrastination
Freilich gibt es tatsächlich Erwachsene, bei denen ADHS oder Autismus in der Kindheit nicht erkannt wurden. „Wenn das der Fall ist, dann ist der Leidensdruck meist groß – man leidet darunter, im Privatleben wie im Job“, so der Psychologe. „Nehmen wir als Beispiel Prokrastination, also das Aufschieben von unliebsamen Aufgaben. Das ist ein typisches Symptom für ADHS. Es macht aber einen Unterschied, ob ich wichtige Aufgaben im Job nicht fertig machen kann und deshalb bedroht bin, meinen Arbeitsplatz zu verlieren – oder ob die Bügelwäsche liegen bleibt.“
Gerade bei Autismus gebe es laut dem Experten heute viel bessere Möglichkeiten zur Einordnung als noch vor zehn Jahren. „Daher steigen auch die Diagnosen, das hat nichts mit Impfungen oder sonstigen Verschwörungstheorien zu tun.“ Besteht tatsächlich ein Verdacht auf Autismus oder ADHS, braucht es umfangreiche Gespräche und Tests. Auch, um andere Ursachen für die Symptome ausschließen zu können.
Grundsätzlich befürwortet Gernot Hilberger, „dass zunehmend über psychische Gesundheit gesprochen wird. Das baut Hürden ab“. Neben Autismus und ADHS ortet man aber noch eine weitere Modediagnose: „Narzisstische Störungen, gerade im Bereich Partnerschaften. Aber da glaubt niemand, dass er selbst betroffen ist – das hat immer nur der andere“, schmunzelt Gernot Hilberger.