„Die Semmel zum Mitnehmen wird dann vermutlich mit 4,9 Prozent versteuert, die Buttersemmel mit zehn Prozent. Wenn der Kunde die Semmel im Service isst, dann werden wahrscheinlich auch zehn Prozent verrechnet. Aber wie versteuere ich das, wenn der Kunde die Semmel zum Mitnehmen kauft und sie dann doch bei uns isst, weil er einen Bekannten trifft. Wer soll da noch durchblicken?“, rätseln Stephan und Sabrina Uller von der Mehlveredelung Uller mit Standorten in Feldbach, Leitersdorf im Raabtal und Gnas.

Sie orten einen enormen bürokratischen Aufwand bei der vom Nationalrat beschlossenen Senkung der Mehrwertsteuer. Konkret wird ab 1. Juli 2026 die Mehrwertsteuer auf Butter, Milch, Reis, Nudeln, Weizenmehl, Brot, Eier und viele Gemüse- sowie Obstsorten auf 4,9 Prozent gesenkt. Angeblich werden aber nur jene Produkte von der Steuersenkung betroffen sein, die weniger als fünf Prozent Zucker oder Fett in der Rezeptur haben und über den Ladentisch verkauft werden, nicht in der Gastronomie, berichtet der Innungsmeister der steirischen Bäcker, Albin Sorger-Domenigg, von Details. „Das ändert sich derzeit aber wöchentlich“, schiebt er nach.

Praxistaugliche Lösung fehlt

Für die Ullers bedeutet die geplante Umsatzsteuersenkung weniger eine Entlastung, mehr ein Chaos. Diesen Unmut taten sie auf Facebook kund und ernteten dafür große Zustimmung. Nun müsse man das Kassensystem umbauen, Mitarbeiter einschulen, Produkte und deren Rezepturen prüfen, Preise neu kalkulieren. Was die Situation verschärft: „Das Nicht-Wissen und die kurze Zeit“, sagt Sabrina Uller. Denn noch ist nicht klar, welche Backwaren von der Senkung betroffen sind und welche nicht. „Gehört Roggen dazu? Und wie schaut es bei einem Bauernbrot aus?“, fragen sich die Ullers.

Was sie besonders wurmt: Auf der Seite des Bundesministeriums sei nur von „Brot und Gebäck (Semmel, Mohnflesserl, Salzstangerl und so weiter)“ zu lesen, das von der Maßnahme betroffen ist. „Was bedeutet dieses ‚und so weiter‘? Bis heute gibt es immer noch keine einfache, klare und praxistaugliche Lösung, mit der Betriebe tatsächlich arbeiten können“, bekritteln die Ullers.

Den Gedanken, Familien finanziell zu entlasten, finden sie gut, „aber man darf es nicht auf die Unternehmer abwälzen“, mahnt Sabrina Uller. Ähnliches habe sie schon zur Corona-Zeit mit der Kurzarbeit beobachtet oder etwa bei der Einführung von Flaschenpfand. „Letztendlich zahlt der Kunde, weil ich den administrativen Aufwand, den die Kassenfirma oder mein Buchhalter verrechnet, auch dazu gehört.“

An drei Standorten verkauft die Mehlveredelung Uller ihr Gebäck: hier in Leitersdorf, weiters in Feldbach und Gnas
An drei Standorten verkauft die Mehlveredelung Uller ihr Gebäck: hier in Leitersdorf, weiters in Feldbach und Gnas © KLZ / Julia Schuster

Betriebe unter Druck

Mehr Aufwand für den Betrieb als Nutzen für den Kunden sieht auch Landesinnungsmeister Sorger-Domenigg in der Mehrwertsteuersenkung: „Wir sind uns oft nicht sicher, ob die Leute, die solche Gesetzesentwürfe erstellen, Einblick in die Auswirkungen haben.“ Viele Betriebe würden unter Druck stehen, das Kassensystem umzustellen, weil sie die Kommastelle beim Steuersatz nicht umsetzen können. „Es ist jetzt noch nicht einmal alles geklärt und die Maßnahme soll unbedingt mit Juli durchgeboxt werden. Das ist zu kurzfristig“, warnt Sorger-Domenigg.

Derzeit könne man die Verhandlungen nur abwarten und die Informationen daraus so gut wie möglich für die Betriebe aufbereiten, so Sorger-Domenigg. Und diese warten sehnsüchtig auf nähere Infos, bestätigt Sabrina Uller: „Ich verstehe jeden Betrieb, der aufhört, weil er den Papierkram nicht mehr machen möchte.“ Und ihr Mann fügt an: „Die lieben Politiker haben keine Ahnung, wie lange der administrative Rattenschwanz ist.“