Pro

lorentina Holzinger sorgt für offene Münder. Alles andere wäre eine echte Überraschung gewesen. Von Holzinger ein rot-weiß-rotes Pathos-Spektakel zu erwarten, ist so realistisch wie ein Muezzin-Ruf über dem Petersplatz.

Ihre Performance trägt den Titel „Seaworld Venice“. Es ist ein nackter, flüssiger, entgrenzter künstlerischer Akt. Zwischen Jetskis und Dixi-Klos spielt Holzinger ausgerechnet in der untergehenden Lagunenstadt Venedig mit dem Gedanken des Ökokollapses. Nackte Menschen schlängeln sich um Stangen, Holzinger schwingt als menschlicher Klöppel in einer Glocke. Es geht um den Kreislauf, den Abfall, das Abwasser, den Dreck, von dem wir umgeben sind und mit dem wir uns arrangieren müssen. Etwas verkürzt also: Der Shitshow, die sich uns täglich in den Nachrichten bietet, setzt Holzinger eine künstlerische Shitshow entgegen – einen verpesteten Themenpark. Da liegt es relativ nahe, dass auch Körperflüssigkeiten eine Rolle spielen. Gäste werden um ihre Ausscheidungen gebeten, ihre „Spenden“ werden dann einem Aquarium – in dem eine Performerin taucht – zugeführt. Ein wichtiges Detail: Davor wird der Urin durch eine Kläranlage geleitet.

Die FPÖ tobt, der Boulevard spricht von „Ekel-Alarm“ und einem steuerfinanzierten „Piss-Pool“. Das finde ich lustig. Beide sind auf den Enkeltrick der Kunst reingefallen: Den Ekel. Und plötzlich entdeckt man die Sitten für sich.

Dass Holzinger auf dem besten Weg ist, zu einem internationalen Star zu werden? Unerheblich. Vielleicht liegt es aber genau daran. Da greift der Minderwertigkeitskomplex. Das kleine Land Österreich soll sich nicht so viel herausnehmen. Das hat Thomas Bernhard wohl einst mit der österreichischen Kleingeistigkeit gemeint.

Holzinger zeigt einen weiteren Kreislauf – abseits von Abwasser und Kläranlage. Nämlich jenen von nationaler Kränkung. Und trotzdem muss ich Bernhards Zorn auf die Kleinkarierten widersprechen: Diese Akteure braucht es. Nicht, weil sie recht hätten. Sondern weil sie unfreiwillig zeigen, wozu Kunst noch imstande ist. Sie kann eine Gesellschaft an einer Stelle berühren, an der diese eigentlich längst unempfindlich sein wollte.

Die Gunst für die Kunst braucht auch die Ungunst der Ungusteln, die das kulturelle Österreich mit Bieranstich und Festungs-Folklore konservieren wollen. Etwas positiver ausgedrückt: Es braucht die Nestbeschmutzer und die Nesthocker. Die einen reißen die Fenster auf. Die anderen schreien, dass es zieht. Dass die Biennale in Zeiten wie diesen überhaupt Schlagzeilen macht: Das ist Kunst.

Kontra

Die Frage an sich ist leicht zu beantworten, das „Sollen“ hat mit der Bewertung von ästhetischen Dingen wenig zu tun: Ein moralischer Anspruch aufs Gefallen in der Kunst existiert nicht, egal ob man jetzt die Kunst von Ludwig van Beethoven, Elfriede Jelinek oder Johannes Mario Simmel  betrachtet. Und „Gut“ heißt in der Ästhetik etwas anderes als in der Ethik. Auch wenn der woke Zeitgeist diese Unterscheidung gern unter den Tisch fallen lässt.

Florentina Holzingers Arbeit ist unter ästhetischen Gesichtspunkten keine schlechte Kunst. Man kann ihr maximal vorwerfen, dass sie auf spekulative Art all das erfüllt, was Erfolg verspricht. Holzinger hat eine spektakuläre Arbeit hingestellt, die mediales Aufsehen erregt und ist wenig überraschend in den ersten Wochen zum Publikumsliebling geworden. Die Welt strömt zum österreichischen Pavillon, um sich die nackten Performerinnen anzusehen. Die Installation vereint großartige Bilder und banale Aussagen, die Lust an der Provokation mit einem Menetekel vom Untergang Venedigs und der Welt. Es verknüpft die Maschine und das Fleisch.

Der provokante Anteil der Arbeit ist freilich fast risikolos, weil gänzlich in den Kunstbetrieb eingehegt. Die Biennale ist das wichtigste Festival der Welt, hinter Holzinger steht mit dem Salzburger Thaddäus Ropac ein bedeutender Galerist, ein Mann mit feinem Gespür für Kunst und mit großer Macht am Kunstmarkt, unter dessen Fittichen die Künstlerin zur Weltmarke aufgebaut werden wird.

Dass viele Menschen solche Kunst als Affront und Steuergeldverschwendung sehen (wollen), ist zu einem großen Teil nicht der Kunst selbst, sondern einem seit jeher kaputten Diskurs anzulasten, dessen Ziel nicht ist, eine Verstehenshilfe zu geben, sondern Aufregung zu erzeugen. Medien berichten verkürzt, nicht nur über Holzinger, sondern über die Biennale generell. Vergleicht man Zeitungskritiken mit dem vor Ort zu Sehenden, wundert man sich, ob man bei derselben Ausstellung war. Ökonomische Überlegungen wie die Maximierung von Klicks verstellen den kühlen, analytischen Blick darauf, was ist. Dabei wird obendrein übersehen, dass Kunst auch dazu da ist, eigene Wertvorstellungen und Überzeugungen zu attackieren. Das war im griechischen Theater so, das ist heute so. Holzinger (und anderen) könnte man anlasten, dass ihre Radikalität eine Scheinradikalität ist. Eine domestizierte Form von Radikalität, die die Hochglanz-Kunstwelt liebt und stets neu hervorbringt: marktgemäßes, gefahrloses Anderssein. Das wiederum muss man nicht gut finden.