Die Toten Hosen verabschieden sich von den großen Bühnen des Landes. Und mein Herz blutet. Denn dieser Band habe ich einiges zu verdanken.

Gelernt hab ich von ihnen Englisch (Learning English Lesson 1) – und, mit Blick auf das Cover dieses Albums, wie ein Frühstückstisch definitiv nicht aussehen sollte (siehe unten). Ich lernte von den Düsseldorfern, was Punk ursprünglich bedeutet („Blitzkrieg Bop“), wie schön italienische Hadern sind („Azzuro“) und dass deutsche Schlager cooler sind als ihr Ruf (Coverversionen von „Für Gaby tu ich alles“, „Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu-Strand-Bikini“, „Im Wagen vor mir“).

Das Cover von „Learning English Lesson 1“
Das Cover von „Learning English Lesson 1“ © kk

Die Hosen zeigten mir, wie Frauen nackt aussehen – und wie unterschiedlich ihre Körper sein können (Cover von „Reich und Sexy“). Sie verstörten mich mit Anthony Burgess‘ „Uhrwerk Orange“, bevor ich den Roman gelesen hatte („Hier kommt Alex“) und sangen über Männer, die ihre Partnerin töten, weil sie nicht gelernt haben, mit Eifersucht umzugehen („Alles aus Liebe“).

Sie erklärten mir, was Nazis antreibt und dass sie noch unter uns sind („Sascha … ein aufrechter Deutscher“), dass München ein übles Pflaster für Fußball ist („Bayern“) und dass das Leben einem „Auswärtsspiel“ gleicht – und keinem Ponyhof.

Die Toten Hosen zeigten mir, dass alte weiße Männer nicht an allem schuld sind, sondern auch vollumfänglich marginalisierte Menschen wie „lesbische, schwarze Behinderte“ ätzend sein können. Was „Die Toten Hosen“ auch wie keine andere Band unter Beweis stellte: Punk kann intellektuell sein, domestiziert werden und kommt auch ohne Anarcho-Geschwätz aus.

Und auch jetzt, mit ihrem Abschied, erteilen die Hosen mir eine wichtige Lektion: Anfangen kann jeder, zum richtigen Zeitpunkt aufhören nur die Allergrößten.

Frontmann Campino sprach mit uns darüber, warum genau jetzt der richtige Zeitpunkt ist, die Karriere zu beenden, und was für ihn Glück bedeutet.

Ihre Abschiedstour führt die Pensions-Punks übrigens auch nach Österreich. Am 12. September 2026 gastieren die Toten Hosen im Wiener Happel-Stadion, am 23. Juni 2027 spielen Campino & Co. ein letztes Mal auf dem Open-Air-Gelände der Messe Graz auf.

Einen ruhigen Sonntag im Sinne des Bandnamens wünscht

Julian Melichar