Zwei Erhebungen sorgen derzeit für zusätzliches Unbehagen in der ohnehin unter Druck stehenden steirischen Bauwirtschaft. Zum einen hat das Institut für Wirtschafts- und Standortentwicklung (IWS) für die Landesinnung Bau in der Wirtschaftskammer eine Online-Befragung in der Branche durchgeführt. Demnach rechnen 30 Prozent der befragten Betriebe in den nächsten sechs Monaten mit einem spürbaren Rückgang des Auftragsstands, während lediglich elf Prozent von Auftragszuwächsen ausgehen. Zudem erwartet fast jedes dritte Unternehmen einen Rückgang der Kapazitätsauslastung. Ein weiteres Ergebnis der Umfrage: „Ein Viertel der Betriebe verfügt derzeit über eine Vollauslastung von weniger als einem Monat und fast die Hälfte ist nur noch für die nächsten ein bis drei Monate abgesichert.“ Das hat Folgen für den Arbeitsmarkt: Denn „aufgrund dieser mangelnden Auslastung sehen sich laut Umfrage rund 30 Prozent der Betriebe gezwungen, im nächsten Halbjahr Personal abzubauen, während nur ein Prozent einen Beschäftigtenzuwachs erwartet", wie betont wird.
„Dramatischer Gesamtrückgang von Beschäftigten“
Die Personalentwicklung in der steirischen Baubranche stand im Fokus der zweiten Erhebung durch die Gewerkschaft Bau-Holz (GBH). Diese zeigt, dass die Zahl der gemeldeten Arbeitnehmer (auf Basis der Bauarbeiter-Urlaubs- und Abfertigungskasse – BUAK) in der Steiermark von einem Höchststand von 22.487 Personen im Oktober 2021 auf nur noch 18.531 im März 2026 gesunken sei. „Das entspricht einem dramatischen Gesamtrückgang von 17,6 Prozent, womit die Steiermark sogar noch über dem bundesweiten Minus von 16,42 Prozent liegt", so die Gewerkschaft. Parallel dazu verharre die Arbeitslosigkeit in den Sektoren Bau, Holz und Steine trotz eines minimalen Rückgangs im April 2026 – 3180 vorgemerkte Personen – „auf einem historisch besorgniserregenden Niveau“. Im Vergleich zum April 2022 seien demnach beim AMS Steiermark um 32,5 Prozent (779 Personen) mehr arbeitslose Branchenagehörige vermerkt.
„Das sind sehr laute Alarmglocken“
Bau-Landesinnungsmeister Michael Stvarnik schlägt vor dem Hintergrund dieser Daten Alarm. Vor einigen Tagen hat er daher zum Bau-Gipfel mit den Sozialpartnern und der steirischen Landespolitik geladen. „Das sind sehr laute Alarmglocken, viele Betriebe leben von der Hand in den Mund. Die Zeichen stehen auf Sturm. Wir brauchen Planbarkeit, leichtere Finanzierungen, mehr Anreize im Geschoßwohnbau und für Eigenheime“, so Stvarnik in einer Aussendung im Anschluss an das Gipfelgespräch. Die Branche fordere vor allem „Klarheit darüber, was die Bauwirtschaft 2026 und 2027 erwartet, wie viele Mittel in den Fördertöpfen zur Verfügung stehen und welche Rahmenbedingungen gelten werden“.
Baugewerkschaftschef Josef Muchitsch unterstreicht: „Ein Personalabbau von 30 Prozent tut wirklich weh. Jetzt geht es darum, Budgets und Wohnbaufördermittel bestmöglich zu sichern.“ Gerade jetzt, appelliert auch Stefan Lipp, „dürfen Investitionen in die öffentliche Infrastruktur nicht verschoben werden, um das potenzielle Auftragsvolumen der steirischen Bauwirtschaft nicht noch weiter zu beeinträchtigen“. Der Vorsitzende der Fachvertretung Steiermark der Bauindustrie verhehlt nicht: „Die Situation ist prekär.“
„Im Moment kein Lichtblick“
„So eine Krise haben wir lange nicht gehabt – wir sehen im Moment keinen Lichtblick", sagt auch der GBH-Landesvorsitzende Christian Supper. Er verweist dabei auf einen massiven Einbruch bei den Lehrlingszahlen. „Im steirischen Baugewerbe sank die Gesamtzahl der Lehrlinge zwischen 2022 und 2025 drastisch um 27,8 Prozent. In der steirischen Bauindustrie fiel der Rückgang mit einem Minus von 20,51 Prozent ebenso deutlich aus.“ Der konjunkturelle Einbruch drohe die Steiermark daher „in wenigen Jahren in Form eines massiven Fachkräftemangels auf den Baustellen einzuholen, wenn jetzt nicht gegengesteuert wird“, warnt Muchitsch.
Zumal die IWS-Umfrage auch perspektivisch keine Anzeichen für eine Entwarnung bereithält: „So spüren achtzig Prozent der Betriebe die Auswirkungen des aktuellen Nahost-Konflikts, was sich vor allem in gestiegenen Energiekosten sowie teureren Material- und Vorleistungspreisen widerspiegelt. Das führt dazu, dass 44 Prozent der Unternehmen mit weiter steigenden Preisen rechnen.“
Lange Liste an Forderungen
Die Liste an Forderungen ist lang. Mehr als die Hälfte der befragten Betriebe plädiert laut Umfrage für zusätzliche Investitionsanreize. „Die Bauwirtschaft fordert daher ein entsprechendes finanzielles Bekenntnis der Politik, auch für das kommende Budgetjahr.“ Konkret gehe es etwa um eine „Adaptierung der Einfamilienwohnhausförderung in Verbindung mit der tatsächlichen Abschaffung der KIM–Verordnung“. Ein Schwerpunkt bei Sanierungen, so ein weiterer Wunsch, sollte auf die Förderung von Arbeitsleistungen gesetzt werden. Im Zuge der angekündigten Baugesetznovelle und des zweiten Deregulierungsgesetzes des Landes sollten „wesentliche Erleichterungen geschaffen werden, um auch damit auch Kosten zu senken“, heißt es weiter. „Zudem ist es für den Geschoßwohnbau unabdingbar, durch an den Baukostenindex angepasste Fördersätze die erforderliche Baubarkeit zu sichern. Nicht zuletzt sollte die begonnene Sanierungsoffensive für energetische Maßnahmen an Dächern, Wänden, Fenstern und Heizungssystemen verstärkt fortgesetzt werden.“
„2000 geförderte Geschoßbauwohnungen in Bau“
Die steirische Wohnbaulandesrätin Simone Schmiedtbauer verweist auf bereits gesetzte Maßnahmen. „Derzeit befinden sich über 2000 geförderte Geschoßbauwohnungen in Bau, so viele wie seit Jahren nicht.“ Sie zeigt sich überzeugt, dass auch der neue Sanierungspass „einen weiteren Impuls für die Bauwirtschaft bringen“ werde. Ziel sei es, leistbaren Wohnraum zu sichern und Investitionen zu fördern, um wieder mehr Arbeitsplätze und Wertschöpfung in die Steiermark zu bringen. Die Landesrätin verspricht im Rahmen des Baugipfels: „Wir kämpfen weiter für attraktivere Rahmenbedingungen zur Belebung der Baukonjunktur für mehr Wertschöpfung und Arbeitsplätze.“