Eine persönliche Begegnung mit Miles Davis konnte ziemlich nachhallend sein. Schon seine gebrochene, raue und verhangene Stimme hatte etwas Mystisches. Dabei wussten wir damals bereits, dass man ihm genau zuhören musste. Als ihm seine Ärzte nach einer Kehlkopfoperation im Jahr 1955 geraten hatten, seine Stimme zu schonen, schrie er dennoch lautstark herum – und beschädigte damit seine Stimmbänder dauerhaft. Mit Ärzten hatte es der legendäre Trompeter ohnehin nie leicht. Schließlich sollte ihm ein Streit mit einem Arzt zum Verhängnis werden: Danach erlitt er einen schweren Schlaganfall. Aus dem Koma erwachte er 1991 nicht mehr.
Er verzauberte mit grenzwertigem Sound
Ein Blick auf die Setlist seines ersten Grazer Konzerts beantwortet die oft gestellte Frage, was Miles Davis, der wie kaum ein anderer Jazzmusiker auf die musikalischen Zeichen seiner Zeit reagierte, heute wohl spielen würde. In der ausverkauften Grazer Eishalle verzauberte der „Prinz der Dunkelheit“ sein Publikum am 1. November 1988 jedenfalls mit Covers von Michael Jackson, Prince, Cyndi Lauper, Scritti Politti oder Toto – trotz eines eher grenzwertigen Sounds.
Der Tod kam dazwischen
Sein zweites – und letztes – Grazer Konzert fand ein Jahr später, am 12. November 1989, im Opernhaus statt und kam musikalisch weit besser zur Geltung. Später erschien davon sogar ein Bootleg mit dem schlichten Titel „Concert in Graz 1989“ – ein Sammlerstück für Dabeigewesene und Unentwegte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Miles Davis längst von Bebop, Cool Jazz und Modal Jazz verabschiedet und suchte seinen kreativen Impuls in der Pop- und Rockmusik.
Schon Ende der Sechzigerjahre strebte Miles Davis, der 1959 mit „Kind of Blue“ die erfolgreichste Jazzplatte aller Zeiten eingespielt hatte, eine Zusammenarbeit mit Jimi Hendrix an – jenem revolutionären Musiker und Meister des Gitarrenfeedbacks, der wie Davis selbst tief im Blues verwurzelt war. Doch der Tod kam dazwischen.
Weniger Töne, mehr Revolution
Wie auch immer: Zum 100. Geburtstag von Miles Davis nur das Beste. Er hat den Jazz nicht nur gespielt, sondern ihn gleich mehrfach neu erfunden – und dabei gezeigt, dass weniger Töne mehr Revolution bedeuten können. Mit kühler Präzision bewies er, dass ein einziger Ton die Geschichte des Jazz verändern kann. Oder zumindest beinahe. Auf seinen Errungenschaften ruhte er sich jedenfalls nie aus. Im Gegenteil: Manche seiner eigenen Aufnahmen verurteilte er im Nachhinein sogar als misslungen. Ganz ernst zu nehmen war das allerdings nicht immer; oft sprach daraus auch sein Groll gegenüber der damaligen „Jazzpolizei“ und einer gewissen weißen Bildungsbürgerlichkeit.
Die ungebrochene Devise seiner unvergleichlichen Karriere lautete dennoch: Cookin’, Relaxin’, Workin’ und Steamin’ – Begriffe, die vor allem durch die vier berühmten gleichnamigen Alben des Miles Davis-Quintetts aus den 1950er-Jahren um die Welt gingen. Oft wird auch „Walkin‘“ dazugenannt, obwohl es sich dabei eigentlich um ein separates Album beziehungsweise Stück handelt.
Lässig, spontan und dennoch hochmusikalisch
Liest man die äußerst unterhaltsame und an aufregenden Episoden reiche Autobiografie von Miles Davis aus dem Jahr 1990 im Original, begegnet man auch dem einschlägigen Jazz-Slang jener Zeit. „Cookin'“ bedeutete heiß spielen und „im Flow“ sein, „Walkin’“ stand für stetiges Grooven über einem gleichmäßig laufenden Bassrhythmus, „Relaxin’“ meinte lockeres, entspanntes und cooles Spiel, „Workin’“ stand für Proben und Performen und „Steamin’“ für Dampf, Energie und Intensität. Diese Titel spiegeln zugleich die Atmosphäre des Hard Bop und Cool Jazz wider: lässig, intensiv, spontan und dennoch hochmusikalisch.
Miles Davis, in dessen „First Great Quintet“ auch der Stern von John Coltrane aufging, hinterließ im Laufe seiner Karriere ein außergewöhnlich umfangreiches Werk von rund 100 Alben. Seine Diskografie umfasst mindestens 60 Studioalben und 39 Livealben sowie zahlreiche Kompilationen und Boxsets – darunter auch viele mehr oder weniger gelungene Bootlegs wie das erwähnte Concert in Graz 1989.
Angeführt wird diese lange Liste zweifellos von „Kind of Blue“ (Columbia Records, 1959), das von vielen als die größte Jazzplatte aller Zeiten und als Davis’ Meisterwerk angesehen wird. Mit über sechs Millionen verkauften Exemplaren ist es jedenfalls die meistverkaufte Jazzplatte der Welt.
Sein radikalster Ausflug
Sein umstrittenstes Album dürfte hingegen „On the Corner“ gewesen sein. Damit wollte sich Davis gezielt an ein junges schwarzes Publikum wenden, das das Interesse am Jazz weitgehend verloren hatte. Die Sessions galten als sein radikalster Ausflug in das, was oft abwertend als Jazzrock bezeichnet wurde – und vielen als groteske Abweichung erschien.
Zum Zeitpunkt seines plötzlichen Todes in einem Krankenhaus in Santa Monica hatte der leidenschaftliche Ferrari-Fahrer immerhin ein Vermögen von rund 20 Millionen Dollar angehäuft – ein beachtliches Sümmchen für einen Jazzmusiker. Verwaltet wird der Nachlass heute von seinen Töchtern Cheryl Ann und Erin Davis.
Coda. Was also tun zum Hundertsten eines Musikers, der uns so nachhaltig beeindruckt hat? Am 26. Mai gönnen wir uns ganz bewusst die 6-CD-Deluxe-Edition der kompletten On the Corner-Sessions. Und zwar vollständig. Jetzt erst recht.