Man kennt sie als Gestalterin atemberaubender Bühnenräume, in denen sich Vorstellungskraft und Raumgefühl weiten. Nun geht Lisa Horvath einen entscheidenden Schritt weiter: Mit der Produktion „Zoe“ gestaltet sie ein „immersives Science-Fiction-Poem“, das sich mit der Frage auseinandersetzt, was wäre, wenn Menschen, Technologien und Ökosysteme miteinander sprechen könnten. Horvath imaginiert dabei einen Planeten, der erzählt, Steine, denen Stimme gegeben ist und Landschaften, die atmen. „Zoe“, eines der altgriechischen Wörter für Leben, entwirft so eine Biosphäre, in der sich die Grenzen zwischen den Spezies auflösen.
Dafür hat Horvath gemeinsam mit Victoria Fux aus elektronischer Musik, Stimme, Körper und Raum ein „nichtlineares, multisensorisches Geflecht“ gebaut, in der auch Perspektiven jenseits der menschlichen Wahrnehmung eine Rolle spielen. Zu sehen ist das spektakuläre Projekt, mit dem sich die Künstlerin als Autorin ein neues Feld erschließt, im Rahmen des Dramatiker|innenfestivals, das am 26 Mai in Graz beginnt.
Passenderweise hat sich das Festival, das sich mit dem Fokus auf Gegenwartsdramatik und neue Zugänge zum Bühnengeschehen ein Alleinstellungsmerkmal im deutschen Sprachraum erarbeitet hat, diesmal das „Verflechten“ zum Motto gemacht. Eine Menschheit, die vom hohen Podest ihrer imaginierten Überlegenheit heruntersteigt und die Illusion von der Beherrschung der Erde hinter sich lässt, wirkt allerdings noch recht utopisch. Dem trägt etwa die Produktion mit dem bemerkenswerten Titel „Hässliches Tennis“ gewitzt Rechnung: Der Grazer, mittlerweile in Chemnitz lebende Autor Johannes Hoffmann, 2021 Preisträger des Retzhofer Dramapreises für junges Publikum, versetzt die beiden jungen Tennis-Asse Kim und Mika auf einen Kunstrasen-Platz, unter dem sich Unvorhergesehenes ereignet: ein riesiges Pilzmyzel hat sich breitgemacht und durchbricht die Oberfläche: Im Kunstrasen tut sich ein Loch auf.
Ordnung in die Wildnis bringen
Pilzen begegnet man auch andernorts. Nämlich in Jeton Nezirajs Drama „Prishtina. The Premeditated Killing of a Dream”. Das Stück behandelt den Mord am kosovarischen Stadtplaner Rexhep Luci, der im eben befreiten Kosovo der Jahrtausendwende Ordnung in die Wildnis illegalen Bauens zu bringen versuchte. Was bei Unterwelt, Geschäftsleuten und Baufirmen nicht gut ankam. „Ein unglaublich berührendes Stück, das reale Verbrechen sichtbar macht“, sagt Festivalleiterin Edith Draxl, die die Inszenierung des Qendra Multimedia aus dem Kosovo nach Graz geholt hat. Möglich wurde das über das EU-Netzwerk „Creative Europe“ und dessen Projekt „Future Narratives for Planet Earth“, mit dem das Dramatiker|innenfestival die internationalen Gastspiele finanziert, darunter auch das hoffnungsvolle Langgedicht „Lebenlifehayat!“ von Arad Dabiri (2023 Österreichischer Buchpreis für das beste Debüt), produziert am Marburger Landestheater, sowie Femke van der Steens provokantes Ökodrama „Judith ZKT“. Dem „Möglichkeitsraum Theater“ sind an knapp sechs Festivaltagen gezählte 49 Programmpunkte gewidmet, darunter zur Eröffnung ein Gastspiel des Deutschen Theaters Berlin (Nele Stuhlers „Leichter Gesang“, inszeniert von FX Mayr), die Objekttheater-Sensation „Staub“ von Bachmann-Preisträgerin Natascha Gangl und dem Bühnen-Kollektiv spitzwegerich – und natürlich die immer populären DramaWalks.