Der erste Schrecken, er ist kaum zu vermeiden. „Ja, stimmt schon“, räumt Lisa Wolf ein, während hinter ihr ein Bagger klackernd seine Schaufel ins weiche Erdreich gräbt. „Auf den ersten Blick ist es ein Schock, wenn man so eine Baustelle sieht.“ Wo vor wenigen Wochen mitten im Natura-2000-Gebiet noch rund 270 Auwald-Bäume kreuz und quer wuchsen, häufen sich nun auf blanker Erde bergeweise Wurzelstöcke. Auf 450 Meter Länge klafft im grünen Saum der Mur eine graubraune Bresche. „Der Blick auf all das ändert sich aber, wenn man versteht, was wir hier tun“, sagt die Expertin der Naturschutzorganisation WWF.
Die beiden Bagger, die Planierwalze und die übrigen Baugeräte, die sich hier im äußersten Südosten der Steiermark an der Grenzmur zu Slowenien zu schaffen machen, sind nicht angerückt, um Naturraum zu vernichten. Sie sollen helfen, ihn auf Dauer zu bewahren. So zumindest lautet der Plan für das Renaturierungsprojekt, an dem im Gemeindegebiet von Halbenrain noch bis Juni gebaut wird. Es ist ein Puzzlestück eines gewaltigen europäischen Kraftakts, der das Ziel verfolgt, entlang von Mur, Drau und Donau in fünf Staaten in Summe 2500 Hektar widerstandsfähige Auwälder wiederherzustellen und 54 Altarme wieder anzubinden. Der „Amazonas Europas“, wie der eigens geschaffene Biosphärenpark entlang der drei Flüsse häufig genannt wird, soll so von Zerstörung und Austrocknung gerettet werden.
Die Sünden der Vergangenheit nagen an der Mur bis heute
Wie akut diese Gefahr ist, lässt sich an der Mur zwischen Spielfeld und Bad Radkersburg besonders gut beobachten. Der Fluss gräbt sich immer tiefer ein, lässt die umliegenden Auwälder stückweise vertrocknen und die Grundwasserspiegel absinken. Die Ursache dafür liegt lange zurück. „Vor 130 Jahren hat man begonnen, die Mur zu begradigen. Seitenarme wurden trockengelegt, der Querschnitt des Flusssystems ist von einst bis zu zwei Kilometern auf 60 bis 80 Meter geschrumpft“, sagt Christine Konradi und deutet auf die sich vorbeiwälzenden Wassermassen. Die Referentin in der Wasserwirtschaftsabteilung des Landes leitet gemeinsam mit ihrer Kollegin Cornelia Jöbstl das Renaturierungsprojekt bei Halbenrain und weiß um die Problematik.
Was damals nämlich niemand bedachte: Durch die höhere Fließgeschwindigkeit schabt die Mur stetig an ihrem eigenen Bett. Weil der Oberlauf des Flusses zudem längst mit Kraftwerken verbaut ist, gibt es auch keinen Geschiebe-Nachschub. „Die Mur entkoppelt sich zunehmend vom Auwald. Jetzt geht es darum, diese Entwicklung aufzuhalten und dem Fluss seine Ursprünglichkeit zurückzugeben“, sagt Konradi.
Das neue Ufer der Mur liegt weiter landeinwärts
Zu diesem Zweck haben Bauarbeiter und Gewässerökologen in Halbenrain die alte Uferbefestigung aus Steinschlichtungen entfernt. An der freigelegten Stelle soll sich die Mur in den kommenden Monaten ausbreiten können. Entlang des künftigen Ufers, das 30 bis 50 Meter landeinwärts verläuft, haben die Projektleiterinnen 7700 Kubikmeter an tonnenschweren Steinen zu sogenannten Buhnen aufschlichten lassen, um dem Flusslauf Struktur zu geben. „Wie lange es dann dauert, bis sich die Mur den Abschnitt, auf dem sie ja auch ursprünglich geflossen ist, zurückerobert hat, wissen wir nicht“, sagt Konradi. „Es können Monate oder auch Jahre sein.“
Finanziert werden die Arbeiten zu zwei Dritteln über das „Life Restore“-Programm der EU. Insgesamt 29 ähnliche Maßnahmen sind bis 2028 im gesamten Biosphärenpark vorgesehen, koordiniert werden die Projekte vom WWF Österreich unter Lisa Wolfs Leitung. „Früher wurden Flüsse nur als Infrastruktur und Bedrohung gesehen, inzwischen hat man erkannt, dass das ein Fehler war. Wir versuchen, das wieder gutzumachen“, sagt sie. Bereits umgesetzt ist unter anderem eine Renaturierungsmaßnahme am Mühlbach bei Mureck, für eine weitere flussabwärts von Bad Radkersburg laufen derzeite die Behördenverfahren.
Ein Projekt für Generationen an Mur, Drau und Donau
Das Ende der ökologischen Fahnenstange soll aber auch nach Abschluss dieser Projekte längst nicht erreicht sein. „Wir sind auf der Suche nach Grundstücken entlang der Grenzmur für weitere Maßnahmen. Wer Interesse hat, soll sich bei uns melden“, sagt Konradi. Denn fest steht: Bis es gelingt, dass sich die Mur wieder stabilisiert, werden noch jahrzehntelange Anstrengungen nötig sein. „In Summe ist das ein Generationenprojekt“, sagt Konradi. Aber eines mit guten Erfolgsaussichten. Zumindest wenn die Bagger schneller graben als die Mur.