Die „Fahrradmäuse“ haben die Rennradsättel erobert. Das sticht spätestens dann ins Auge, wenn man entlang der Süduferstraße des Wörthersees in Kärnten fährt. Über Jahrzehnte traten ausschließlich Männer in die Pedale des aus Leichtmetallen oder Carbon gefertigten Rads, mit den schmalen Reifen und dem typisch gebogenen Lenker für eine möglichst aerodynamische Sitzhaltung. Jetzt sitzen immer mehr Frauen fest im Sattel der schnellen Fahrräder.
Influencerin Paula Enzweiler
Die Bezeichnung „Fahrradmaus“ für sportliche Radlerinnen entstammt keineswegs maskuliner Abwehrhaltung oder einem Sexismus des Autors. Dieser „Titel“ kommt aus Frauenmund: „Hallo, ich bin Paula und ich habe beschlossen, eine Fahrradmaus zu werden...“, startete die deutsche Paula Enzweiler 2024 ihre Videos, die sie bei sportlichen Herausforderungen und im Alltag zeigen. Heute folgen der 26-Jährigen über 600.000 Menschen auf Instagram und unzählige Frauen am Rennrad auf der Straße. Sie ist eine der bekanntesten, aber lange nicht die einzige Influencerin, die den weiblichen Aufstieg aufs Rennrad befeuert hat.
Handel verändert sich
Ein Trend, der Industrie, Handel und sogar den Tourismus in Kärnten verändert. „Vor fünf, sechs Jahren waren unsere Kunden nahezu ausschließlich Männer. Seit zwei Jahren kommen immer mehr Frauen ins Geschäft“, sagt Anna Gräfling von Special-Bikes in Pörtschach, einem Fachgeschäft für Profis und Amateure, das vom „Einsteigerrad“ ab etwa 2500 Euro bis zu Rennboliden jenseits der 15.000 Euro bietet, was Mann und eben auch Frau heute fürs Radln suchen.
Der Trend sei gekommen, um zu bleiben, meint Gräfling: „Die Industrie hat reagiert und geht auf die weiblichen Bedürfnisse ein. Es geht nicht mehr nur um das Rennrad, es geht um das rundherum, es ist modischer geworden und es ist ein Lifestyle, der mit einhergeht.“ Modisch gehe der Trend ganz klar nicht zu Rosa, sondern zu Weiß: „Weißer Helm, weißes Trikot, weiße Schuhe und dazu eine beige Radlerhose. Das langweilige Schwarz wurde verdrängt.“
Gemeinschaftserlebnis
Zum neuen Lifestyle gehöre aber nicht nur Mode, weiß Elisabeth Mikl, Veranstalterin der „Rosa 200“, Rennrad- und Gravelbike-Events in Österreich, Italien und Slowenien: „Das Rosa steht für die Farbe des Giro d‘Italia und zielt nicht auf ein vermeintlich weibliches Publikum ab. Trotzdem sind mittlerweile 43 Prozent der Teilnehmerinnen Frauen.“ Das sei einzigartig unter den Sportevents in Österreich.
Mikl glaubt, dass sich Frauen seit der Pandemie mehr zutrauen würden: „Viele haben in der Zeit neue Freizeitaktivitäten ausprobiert und sie trauen sich jetzt sportlich viel mehr zu“. Die Vorbilder seien Influencerinnen in den sozialen Medien und Mode spiele da natürlich auch eine Rolle, “lange weiße Socken sind Pflicht, kurze sind ein modischer Fauxpas.“
Aber es gehe Frauen noch viel mehr um das Gemeinschaftserlebnis. Oft finde man sich dafür auch kurzfristig über Online-Plattformen zusammen oder eben über maßgeschneiderte Events für Frauen. „Frau spult nicht einfach ihre hunderten Kilometer alleine am Rad ab. Ob die sportlich ambitionierte oder die Genussfahrerin beim ‚Coffee-Ride‘ um den See, es geht Frauen darum, sich zu ‚connecten‘ und mit dem gemeinsamen Erlebnis am Rennrad vom immer stressigeren Alltag zu entschleunigen“, sagt Mikl.
Tourismus in Kärnten
„Damit wandelt sich auch der Tourismus in Kärnten“, sagt Paco Wrolich, Ex-Rennradprofi und verantwortlich für die Entwicklungen des Fahrradtourismus bei der Kärnten Werbung. Es sei ein neuer Lifestyle, den die Urlauberinnen auf den Rennrädern mitbringen, suchen und auch einfordern würden: „Sie kommen nicht nur her, um unsere schönen Radstrecken zu nutzen, sie wollen ein gesamtes Paket, von Kulinarik, Kräuterseminaren, bis zu Yogakursen und Kaltbaden.“ Perfekt bedient werden diese Bedürfnisse laut Wrolich etwa am Weissensee, wo vom 28. bis zum 31. Mai die „Gradys Gravel Queens“ stattfinden. Die Region sei in Kärnten Vorreiter und vorbildhaft, wenn es darum gehe, die Zielgruppe Frau am Rennrad zu bedienen.
Frauen am Renn- und Gravelrad werden im Straßenbild bleiben und auch die nächsten Jahre ein wichtiger Faktor für den Tourismus werden, ist Wrolich überzeugt: „Man merkt die Bedeutung im Profisport, wo sich das Patriarchat der Organisatoren lange gewehrt und Frauen nicht die Leistung der Männer zugetraut hat.“ Das sei Vergangenheit, heute fließe viel Geld in die Entwicklungen, speziell für Frauen. Die Nachfrage sei da und dürfe auch im Tourismus nicht verschlafen werden, sagt Wrolich, der sich über die Entwicklung freut: „Es ist fantastisch und war längst überfällig. Und mit den Frauen wird alles viel cooler, weil sich die Industrie viel mehr Gedanken machen muss, um Modebewusstsein und Lifestyle-Bedürfnisse. Das kommt dann am Ende auch uns Männern wieder zugute.“