Lassen wir zu Beginn dieser Geschichte Zahlen sprechen: Noch immer gilt ChatGPT aus dem Hause OpenAI als weltweit meistverwendeter KI-Chatbot. Von mehr als 900 Millionen wöchentlich aktiven Nutzerinnen und Nutzern spricht der Hersteller, „bald“ werde man die Milliarden-Marke überspringen.
Und trotzdem kam Sand ins Getriebe jenes Unternehmens, das mit ChatGPT ab Ende 2022 eine globale KI-Welle auslöste. Monatliche Umsatzziele sollen verfehlt worden sein und ein Richtungsstreit zwischen Gründer Sam Altman und seiner Finanzchefin, Sarah Friar, wurde publik. Selbst ein Verschieben des für heuer geplanten Börsengangs wird wahrscheinlicher. Noch soll sich Altman, der die Goldgräberstimmung am Markt schnellstmöglich ausnutzen will, massiv gegen derlei Umorientierung aussprechen.
790 Milliarden für Rechenzentren
Anthropic jedenfalls setzt Marktführer OpenAI vor allem im Bereich der Softwareentwicklung und bei KI-Lösungen für Unternehmen gehörig unter Druck. Wohl auch deswegen sind von Anthropic-Boss Dario Amodei zurzeit besonders offensive Töne zu hören. Ein Börsengang im Oktober scheint realistisch, schon zuvor könnte es zu einer Finanzierungsrunde kommen, die Anthropic eine Bewertung von 900 Milliarden US-Dollar zuschreibt.
Das Drängen an die Börse resultiert auch daraus, dass Anleger den KI-Konzernen immer noch viel Wachstumsfantasie zuschreiben. Was wiederum mit Potenzial – also all jenen Menschen, die noch keinen Berührungspunkt zu KI hatten – und technologischem Fortschritt zu tun hat. Zudem werden gigantische Geldsummen in das infrastrukturelle Rückgrat, die Rechenzentren, investiert. 790 Milliarden US-Dollar sollen laut Bloomberg heuer fließen. Keine historische Zahl lässt sich damit vergleichen.
Kaum ein Nutzer zahlt
Auf der anderen Seite säen Nutzungszahlen Zweifel. So hinkt etwa die Anzahl zahlender User hinterher. Der Tech-Analyst Philipp Klöckner sprach im Rahmen der Konferenz OMR gar davon, dass 99,7 Prozent der KI-Nutzer nicht für die Technologie zahlen würden. Zudem würden zwei Drittel all jener, die anfangen, KI zu nutzen, nach einem Monat wieder damit aufhören.
Technologisch breiter aufgestellt als OpenAI und Anthropic ist der Kandidat für den dritten gigantischen Börsengang im Jahr: SpaceX. Das Raumfahrtunternehmen Elon Musks wächst zwar mit 18 Prozent langsamer als die Konkurrenz, dafür ist das Kerngeschäft grundsätzlich profitabel. Primär dank des Satellitennetzwerks Starlink. Belastend wirkt indes die jüngst erfolgte Einverleibung der Geldverbrennungsmaschine xAI rund um den KI-Chatbot Grok.
Wie dem auch sei: 1,75 Billionen US-Dollar könnte SpaceX wert sein, wenn es – wohl im Juni – an die Börse geht. Selbst zwei Billionen scheinen möglich. Hundert Milliarden wiederum will Musk beim Börsengang von der Investorenschaft einsammeln. Philipp Klöckner: „Also so viel Geld, wie bei allen Börsengängen der letzten vier Jahre zusammengerechnet.” Noch ein Zeichen für die Disruption: Selbst etablierte Regeln werden plötzlich diskutiert, um die SpaceX-Aktie in bestimmten Indizes listen zu können.