Die große Diskussion um Boykotte aufgrund der Teilnahme Israels - inklusive der dadurch verursachten Absage von fünf Ländern - hat das Feld zwar etwas gelichtet, mit 35 Teilnehmern beim 70. Eurovision Song Contest in Wien liegt man aber trotzdem im langjährigen Schnitt. Vielfach wird der Ausschluss Russlands nach dem Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine als eine Art Präzedenzfall argumentativ herangezogen. Das nun in vielfältige Kriegsschauplätze verwickelte Israel eben nicht auszuschließen, erscheint vielen - allen voran angesichts der Verwüstungen im Gazastreifen - wenig nachvollziehbar.
Die European Broadcasting Union (EBU), Veranstalterin des ESC, hat beim Ausschluss Russlands allerdings nicht damit argumentiert, dass das Land den Krieg ausgelöst hat, sondern auf die Rolle der russischen Rundfunkanstalten verwiesen, die spätestens ab diesem Zeitpunkt alles andere als regierungsunabhängig oder gar -kritisch berichtet hatten. Das sei im Falle Israels ganz anders: "Dass die betreffende Rundfunkanstalt KAN sehr regierungskritisch ist und unter Druck der amtierenden Regierung Netanjahus steht, wird im europäischen Diskurs dabei oftmals ignoriert", so Schulz-Tomančok.
Der Wissenschafter vom Institut für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der ÖAW und der Universität Klagenfurt verweist in dem Zusammenhang auf den schwierigen Spagat zwischen einem sich selbst als unpolitisch bezeichnenden Musikwettbewerb und der Tatsache, dass der Länderwettstreit immer wieder sehr klar auch als "politische Bühne" bespielt wird. Die öffentlich-rechtlichen Sender als Entsender der Acts bzw. im Fall des Sieges in der Regel im nächsten Jahr als Ausrichter müssten eben "entscheiden, was sie zulassen und was sie unterbinden, etwa bei nationalen Vorentscheiden oder auf der großen Bühne". Aber auch die EBU zeigte sich in den vergangenen Jahren nicht verlegen, durchaus strikt in einzelne Beiträge einzugreifen, wenn es vermeintlich zu politisch oder explizit wurde. Das reichte bekanntlich bis hin zu Eingriffen in Songtexte.
So erscheint es für die beteiligten Sender ein Stück weit als Hasardspiel, sich mit einem Act zu positionieren. Auf der anderen Seite mangelt es eindeutig an medialen Events, die es noch schaffen, eine erkleckliche Anzahl an Menschen vor dem linearen Fernsehen zu vereinen. Hier sei der ESC mit seinen bis zu 200 Millionen Seherinnen und Sehern weltweit am ehesten vergleichbar mit großen Sportveranstaltungen. "Schaut noch jemand lineares Fernsehen?", fragt Schulz-Tomančok: "Bei Super-Events dieser Dimension lautet die Antwort klar: ja."
Dies zeige auch, dass sich trotz der Schwierigkeiten öffentlich-rechtliche Medien eine solche Gelegenheit nicht entgehen lassen könnten - gerade wenn es um das Erreichen eines breiteren Publikums geht, das sonst vielleicht schon in Richtung "digitale Kommunikationsplattformen, wie Soziale Medien" mit den dort "vermehrt nicht geprüften und zum Teil schädlichen Inhalten" abgewandert ist. "Daher brauchen wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als ein Gegengewicht - und deswegen ist auch ein großes Event wie der ESC meines Erachtens dort am besten aufgehoben, um neben großen Unterhaltungsevents wie dem ESC auch guten Nachrichtenjournalismus und Fact Checking zu betreiben und gegen Desinformationskampagnen anzukämpfen", so der Wissenschafter. Dazu käme, dass "die hohen Produktionskosten und die komplexe Infrastruktur" die Möglichkeiten von Privatsendern in der Regel auch übersteigen würden.