Der Mann, der regelmäßig für Geld Wagerl schiebt. Die Frau, die sich am Hauptplatz heimisch eingerichtet hat. Oder der junge Erwachsene, der einmal mitten im Ort erscheint und dann wieder spurlos verschwindet. Diese Menschen sind wie Nachbarn ohne Wohnung. Oder anders gesagt: Sie befinden sich am Rand der Gesellschaft und sind irgendwie doch mittendrin. „In großen Städten ist dieses Bild nichts Neues, bei uns im ländlichen Raum muss man sich erst daran gewöhnen“, erklärt Friedrich Plott.
Seit vier Jahren leitet er die Caritas-Regionalstelle Obersteiermark Ost und ist auch als Erwachsenenvertreter tätig. Viele Obdachlose zwischen Bruck und Mürzzuschlag kennt er, auch über „das Packerl“, das sie oft mit sich schleppen, weiß er Bescheid. „Manchmal findet man einen Draht zu den Menschen, aber es kommt auch vor, dass sie nicht einmal wollen, dass man in ihrer Nähe ist. Da spreche ich aus Erfahrung“, so Plott.
Die Art und Weise, wie diese Menschen ihr Leben leben, beschäftigt trotzdem. Das merkt der Sozialarbeiter an einigen besorgten Anrufen: „Die fragen uns dann, wieso wir hier nichts unternehmen und den Obdachlosen helfen.“ Ähnliches treffe auch auf die Städte zu, auf deren Plätze sich diese Menschen niedergelassen haben.
Kein Zwang
Plott hält fest: „Unsere Prämisse ist klar – die Würde des Menschen ist unantastbar. Jede und jeder kann in einem gewissen Rahmen sein Leben so gestalten, wie sie oder er es will.“ Die Frage, ob es anders nicht besser wäre, wenn man etwa statt unter freiem Himmel am Asphalt in einem Bett einer Notschlafstelle übernachtet, sei gar nicht zu stellen. Manche Obdachlose würden es aus verschiedensten Gründen nicht in besagten Einrichtungen aushalten, auch die, die sich eine Unterkunft leisten könnten, führt Plott an.
„Das ist als Gesellschaft, aber auch als Einrichtung oft sehr schwer. Trotzdem müssen wir immer wieder Hilfsangebote setzen. Wir gehen auf die Menschen zu, aber eben ohne Zwang“, führt der Regionalstellenkoordinator aus. Auch rechtlich ist die Lage für Menschen, die auf der Straße leben, geregelt: „Solange keine akute Fremd- oder Selbstgefährdung vorliegt und somit keine Unterbringung nach dem Unterbringungsgesetz eingeleitet wird, ist ihre Lebensweise zu respektieren“, bekräftigt Plott.
„Menschen sind immer stärker belastet“
Dieser Respekt geschieht in unterschiedlichen Formen. In Bruck etwa hat eine Gemeindebedienstete einen Draht zu besagter Person am Hauptplatz gefunden; hier wurde ein Karton als Schutz besorgt.
Auch die betroffene Person in Mürzzuschlag gehört zu einem vertrauten Bild, wenn sie den Kunden die Wagerl entgegenrollt. „Als wir sie einmal besucht haben, wurden wir sogar gefragt, warum wir sie jetzt belästigen müssen. Sie gehört dazu, hat man uns gesagt“, sagt Plott.
Ein Blick in die restliche Obersteiermark zeigt, dass auch dort Obdachlose im öffentlichen Raum ungewollt von sich Reden machten. Petrus heißt etwa die Frau, die lange Zeit unter Schnellstraßenbrücken im Murtal lebte. In Leoben war es ein Mann aus Syrien, der sich direkt vor der Notschlafstelle beim Glockenturm der Kirche einquartiert hat.
„Solche Fälle hat es immer wieder gegeben und sie werden sich auch häufen, die Menschen sind immer stärker belastet und finden sich vor allem finanziell in immer schwierigeren Situationen.“ Das entsprechende Hilfsangebot, sei für jene, die es wollen, aber vorhanden.