Vor rund einem Jahr war ich das erste und bisher letzte Mal im „Estadio Metropolitano“, der Heimstätte von Atletico Madrid. Es war eine bleibende Erinnerung mit herzlicher Empfehlung an alle Fußballfans, einmal einzutauchen in einen der emotionalsten Fußballtempel Europas. Als Bildungsreise steuerlich vielleicht absetzbar – liegt ja bekanntlich im Fußball die Gewinn- und Verlustrechnung sehr eng beieinander.

Die Bilanz von Kult-Coach Diego Simeone kann sich jedoch wirklich sehen lassen: Gegen den heutigen Gegner Arsenal FC im Halbfinale der Champions League (Canal+, live ab 20.00 Uhr) steht er zum 1000. (!) Mal als Anpeitscher, Galionsfigur und Trainer an der Seitenoutlinie der „Los Colchoneros“, was so viel heißt wie die Matratzenmacher. Ehrlich gesagt bin auch ich ab und zu bei schleppenden Fußballabenden bei stabiler Seitenlage auf der Couch kurz eingepfiffen, doch das heutige Spiel bietet äußerst spannende Voraussetzungen: Beide Teams können sowohl hoch pressen als auch tief verteidigen. Beide Teams verfügen über ausgefeilte Ideen bei Standardsituationen, beide Mannschaften haben sich über Jahre stetig weiterentwickelt.

<strong>Johnny Ertl (43),</strong> <em>Ex-Fußballer mit Stationen bei Sturm, Austria Wien, Crystal Palace, Portsmouth, TV-Experte, Speaker, Unternehmer.</em>
Johnny Ertl (43), Ex-Fußballer mit Stationen bei Sturm, Austria Wien, Crystal Palace, Portsmouth, TV-Experte, Speaker, Unternehmer. © Canal+/Eva Manhart

Simeone gilt als taktischer Defensivapostel, der über ein Jahrzehnt für extreme Disziplin, Intensität und defensive Stabilität stand. Aber ein Blick in die Schublade der Champions-League-Statistik zeigt ein gänzlich neues Gesicht seiner Mannschaft: Mit 34 erzielten Treffern stellt Antoine Griezmann & Co. die drittbeste Offensive der Saison. Bumm, der elffache spanische Meister will es in der Königsklasse wissen! Die Trauben, oder Erdbeeren, hängen hoch; das weiß auch der Bär im gestreiften Wappen von Atletico. Denn schon der Sieg in der „Copa del Rey“ war nahe, doch zog Atletico vor zehn Tagen im Finale den Kürzeren.

Den längeren Atem beim Singen haben heute sicher die Spanier. Das ganze Stadion wird von der ersten bis zur letzten Minute hinter der Mannschaft stehen. Ich habe selten erlebt, wie viel Zug und positives Temperament vom Publikum auf das Team übertragen werden. Und dazu führt Diego Simeone Regie wie kein anderer. Auf diesem fußballerischen Niveau wird sich kein Akteur ein Nickerchen oder einen Powernap am Rasen leisten können. Zu viel steht auf dem Spiel.

Mucho Gusto!

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