War es jugendlicher Trotz, womöglich Unsicherheit oder einfach der Wunsch, über den Rand der Familiengarage hinauszublicken? „Ich wollte das alles hier anfangs nicht“, meint jedenfalls Michael Wechtitsch. Was man sich heute kaum mehr vorstellen kann, so leidenschaftlich spaziert er durch die Räume in der Grazer Dreihackengasse. Aber womöglich hat es dieses kleine Ausreißen auch gebraucht, um wieder in die Spur und nach Hause zu finden. Und um den Familienbetrieb in die Zukunft zu steuern.

100 Jahre Wechtitsch. Ja, die Geschichte dieser „Autosattlerei“ ist ab heuer dreistellig und längst in der dritten Generation angekommen. Ladislaus, Michaels Großvater, eröffnete den Betrieb im Jahr 1926. Ursprünglich wurden Kutschen aufgepolstert, es gibt aber auch ein Schwarz-Weiß-Foto, auf dem der Opa stolz in einem Auto mit offenem Verdeck sitzt, rundherum seine Mitarbeiter (siehe unten).

Opa Ladislaus Wechtitsch (Dritter von rechts) gründete die Firma vor 100 Jahren
Opa Ladislaus Wechtitsch (Dritter von rechts) gründete die Firma vor 100 Jahren © Wechtitsch

Aus Österreich und sogar Bayern

Jahrzehnte später und in Farbe lehnt auch sein Enkelsohn an einem BMW-Cabrio, das sein Mitarbeiter gerade herrichtet. Aus ganz Österreich und sogar aus Bayern melden sich Autoliebhaber, um in der Grazer Dreihackengasse neue Polsterbezüge anfertigen oder das Verdeck richten zu lassen. „Wir sprechen hier von Maßarbeit und individuellen Wünschen. Also geht es ganz viel um Erfahrung und um Vertrauen“, weiß Michael Wechtitsch. Zudem sitzt man auch mit Bootbesitzern in einer Yacht, damit diese auf dem Weg in den Sonnenuntergang weich gebettet sind. Und es mag für Patienten im entscheidenden Moment eher nebensächlich sein, aber so manche Wurzelbehandlung findet längst auf gepolsterten Sitzen aus der Grazer Dreihackengasse statt.

„Wagensattler-Handwerk“: das Prüfungszeugnis für den Firmengründer
„Wagensattler-Handwerk“: das Prüfungszeugnis für den Firmengründer © Wechtitsch

Stets auf Wechtitschs Beifahrersitz: seine Frau Sabine. Ehe sie ihren Mann kennenlernte, traf sie dessen Eltern – bei einem Urlaub in Mexiko. Die Einladung zu einem Graz-Besuch nahm sie an. Der Rest ist Geschichte und Liebe. Sabine Wechtitsch baute mit ihrem Mann die PS der Firma aus, neben Stadt und Holding Graz sowie dem Bundesheer zählen auch namhafte Baufirmen zu ihren Kunden.

Mangel an qualifiziertem Personal

Allein, das Polster an Nachwuchskräften ist überschaubar. Wie so viele Firmenchefs beklagen auch die Wechtitschs einen Mangel an qualifiziertem Personal. Weil aber Michael heuer den 60er feiert, seine Sabine den 57er und beide selten, aber doch an die Pension denken, würden sie sich über „interessierte Nachkommen freuen, welche dieses Handwerksgeschäft übernehmen möchten“.

Denn ihr Sohn ist seit vielen Jahren erfolgreich in der Musikbranche tätig, wie sie stolz erzählen, und das sei gut so. Er hat jenseits der Familiengarage tatsächlich eine andere Leidenschaft gefunden