Wer Autos bauen will, muss einen guten Willen zum Lesen mitbringen. Allein die Entwicklung der Karosserie mit ihren unzähligen Schweißpunkten, Klebeverbindungen und Flanschen verlangt dem Konstruktionsteam ab, sich durch einen schier unendlichen Dschungel an Standards, Regeln und Spezifikationen zu wälzen: Jedes kleinste Detail muss genau beschrieben sein, jede mögliche Variante der Verbindung zweier Bauteile will abgewägt werden. Konstrukteure sind meist mehr damit beschäftigt, nach den benötigten Anleitungen zu suchen, als das zu tun, wofür sie eigentlich brennen: Fahrzeuge zu entwickeln.

Genau das passiert beim Gesamtfahrzeugentwickler und -fertiger Magna in Graz seit vielen Jahrzehnten, dementsprechend groß ist der angehäufte Wissensschatz, der bis ins letzte Detail verschriftlicht ist. „Um dieses Wissen besser zugänglich zu machen, haben wir Machine Learning und Künstliche Intelligenz für die Aufbereitung genutzt. So stellen wir sicher, dass die richtige Fügetechnologie am richtigen Ort für die richtige Anwendung schneller zum Einsatz kommt“, sagt Severin Stadler. Der Entwicklungsleiter bei Magna in Graz hat sich auf virtuelle Produktentwicklung spezialisiert und setzt auf wissensbasierte Konstruktionsmethoden. In der Fügetechnologie, die in der Fahrzeugentwicklung die Sicherheit und die Stabilität der Karosserie maßgeblich beeinflusst, wird die KI-Unterstützung erstmals praxisnah angewendet.

Crash-Test-tauglich

„Früher war es so, dass die Konstruktion sehr stark von den Erfahrungen einzelner Experten abhängig war. Bei einem neuen Projekt, an dem eine Vielzahl an Konstrukteuren an unterschiedlichen Standorten arbeiten, verliert man dabei schnell den Überblick“, sagt Stadler. Gerade in der Fügetechnologie, wo unterschiedliche Werkstoffe so miteinander verbunden werden müssen, dass sie auch in Crash-Tests bestehen, sind die vielen Variablen eine Herausforderung. Vom Schweißen bis hin zum Verkleben verzeichnet die Fügetechnologie eine Vielzahl an verschiedenen Methoden, Bauteile zu verbinden. Parameter wie der Durchmesser des Schweißpunkts, die Schweißtemperatur oder die jeweilige Beschichtung des Materials müssen mitbedacht werden. Die Künstliche Intelligenz wird künftig die Konstruktionsteams bei Magna dabei unterstützen, das alles unter einen Hut zu bringen.

Severin Stadler leitet den Bereich Forschung und Entwicklung bei Magna Steyr
Severin Stadler leitet den Bereich Forschung und Entwicklung bei Magna Steyr © MAGNA

Dass gleichzeitig keiner der Konstrukteure in der Zukunft den Hut nehmen muss, ist Stadler wichtig zu betonen: „Das Ziel ist es nicht, Menschen im Konstruktionsprozess zu ersetzen. Vielmehr soll die KI unseren Mitarbeitern Zeit ersparen und so ermöglichen, dass sie ihre kreativen Kompetenzen gezielt dort einsetzen können, wo sie gebraucht werden.“ Besonders angesichts des enormen Konkurrenz- und Kostendrucks, dem europäische Fahrzeugbauer gegenüberstehen, sei es ein Gebot der Stunde, in der Entwicklung wieder die Oberhand zu gewinnen.

„Intensiver globaler Wettbewerb“

Zu diesem Zweck kooperiert Magna auch eng mit der heimischen Forschungslandschaft. Dabei steht das Unternehmen im Austausch mit Forschungszentren in ganz Österreich, um Fortschritte in der Schweißtechnologie und Entwicklungsmethodik zu erzielen. „Wir befinden uns in einem intensiven globalen Wettbewerb. Bestehen können wir nur, wenn wir neue Technologien rasch einführen und Prozesse konsequent weiterentwickeln“, sagt Stadler.