Im Jahr 1947 zogen die Sieger des Zweiten Weltkriegs einen geraden Strich auf der Landkarte – und teilten die über 1000 Jahre alte Stadt Gorizia in zwei Hälften. Die eine fiel an Italien, die andere an das damalige Jugoslawien. Teilweise wurden damit Häuser, Straßen, Höfe und sogar ein Friedhof halbiert. Und mit ihnen: Familien, Erinnerungen, ein ganzes Lebensgefühl.
Noch im selben Jahr ließ Tito, der damalige Marschall Jugoslawiens, auf jugoslawischer Seite eine neue Stadt erbauen: Nova Gorica. Jahrzehntelang „schmückten“ Stacheldraht und Wachtürme die Grenze. Es wurde geschossen, geschmuggelt, kontrolliert – doch es gab auch Menschen, die Brücken bauten statt Mauern. Die Versöhnung suchten, wo Hass herrschte.
Mit Sloweniens Unabhängigkeit 1991 und dem EU-Beitritt 2004 wurde aus der Trennlinie ein Begegnungsort. Auf dem Transalpina-Platz, auf dem einst Soldaten patrouillierten, feierten Gorizia und Nova Gorica gemeinsam den Beitritt – ein Fest des Friedens, ein Signal an Europa.
Heute sind beide Städte gemeinsam Kulturhauptstadt Europas 2025. Der Transalpina-Platz ist zum Symbol des Dialogs geworden, zwischen Völkern, Sprachen und Geschichten. Wer diesen Ort betritt, begibt sich auf eine Reise durch die Zeit: vorbei an mittelalterlichen Burgen, barocken Klöstern, Spuren zweier Weltkriege und dem Erbe der Bourbonen, die nach der Julirevolution 1830 ins Exil gingen und in Castagnevizza – heute slowenisch – ihre letzte Ruhe fanden. Nur wenige Schritte entfernt: der Sabotino, einst blutiger Kriegsschauplatz, heute Aussichtspunkt mit Blick auf ein Europa, das zusammengewachsen ist. Alles liegt nah beieinander – geografisch und historisch. Gorizia ist nicht nur eine Kulturhauptstadt. Sie ist auch eine Hauptstadt der Geschichte.
Sehenswertes in Gorizia
Herzstück von Görz ist die Burg, die sich mächtig über Stadt und Land erhebt – Wahrzeichen und historisches Zentrum zugleich. Durch das 1660 zu Ehren von Kaiser Leopold errichtete Leopoldstor gelangt man zur Festung, von deren Wehrgang sich ein weiter Blick bis ins benachbarte Slowenien eröffnet.
Auf der Piazza della Vittoria mit dem barocken Neptunbrunnen und der Kirche des heiligen Ignatius beginnt eine Reise durch die Geschichte. Die nahe gelegene Via Rastello führt ins mittelalterliche Gorizia – und zur Erinnerung an die jüdische Gemeinde, eng verbunden mit dem jungen Intellektuellen Carlo Michelstaedter. Die jüdische Präsenz reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück, eine feste Gemeinde bestand seit dem 16. Jahrhundert. Die Synagoge in der heutigen Via Ascoli war bis 1969 religiöses Zentrum; heute zeigt ein Museum im Erdgeschoß die bewegte Geschichte der Gemeinde. Der jüdische Friedhof liegt heute auf slowenischem Boden in Valdirose – ein stiller Zeuge einer reichen Vergangenheit.
Königliches Flair verströmt der Palazzo Coronini Cronberg mit seinem prachtvollen Park und zwei seltenen „Charakterköpfen“ von Franz Xaver Messerschmidt – die einzigen in Italien. Der Palast war letzter Wohnsitz von Karl X. aus dem Haus Bourbon, der nach seiner Abdankung in Görz Zuflucht fand. Er und seine Familie ruhen im Franziskanerkloster von Castagnevizza, das heute zu Slowenien gehört.
Einblicke in die Grenzgeschichte bietet das Museo del Lasciapassare/Prepustnica mit skurrilen Objekten wie Fahrradschläuchen und Schuhen mit verstecktem Geld. Auf slowenischer Seite dokumentiert das Schmugglermuseum von Nova Gorica den Einfallsreichtum der Menschen, die die Grenze zu umgehen versuchten – ein faszinierendes Kapitel europäischer Alltagsgeschichte.