Wie kann und muss es hier weitergehen, worin bestehen die Herausforderungen und Chancen für den Standort Kärnten und welche politischen Entscheidungen müssen getroffen werden, um der Wirtschaft in diesen bewegten Zeiten Rückhalt zu bieten? Über diese Fragen diskutierten auf Einladung des EY Leaders Forum und der Kleinen Zeitung Kristina Aichwalder, EY-Partnerin am Standort Klagenfurt, Sebastian Schuschnig, Kärntner Landesrat für Wirtschaft, Tourismus und Industrie, Timo Springer, Präsident IV Kärnten und Geschäftsführer Springer Maschinenfabrik GmbH sowie Michael Junghans, CEO WIG Wietersdorfer Holding GmbH.
Der Satz „Mögest Du in interessanten Zeiten leben“ könnte man sowohl als Wunsch als auch als Fluch verstehen. Wie interessant ist es gerade in Kärnten?
Sebastian Schuschnig: Ich würde sagen, wir leben weniger in interessanten, als vielmehr in schwierigen Zeiten, weil eine Krise die nächste jagt. Fest steht, wir haben sehr viele Hausaufgaben zu erledigen. Leider machen wir uns das Leben teils selbst schwer, weil wir an Dingen festhalten, die aus einer Zeit kommen, in der es der Wirtschaft gut ging. Jetzt müssen wir uns eingestehen, dass vieles davon nicht mehr leistbar ist. Sonst bringen wir unsere Betriebe, die sich in einem globalen Wettbewerb befinden, unter einen enormen Druck. Das sollte nicht die Zielsetzung der Politik sein.
Macht die Politik es der Wirtschaft also unnötig schwer?
Michael Junghans: Wir haben in Europa darüber nachzudenken, wie wir das Erfolgsmodell für die nächsten zwanzig Jahre neu definieren. Die günstigen Wettbewerbsfaktoren der Vergangenheit, u. a. etwa die billige Energie aus Osteuropa, sind aus bekannten Gründen weggefallen. Als exportorientiertes Land stehen wir also unter enormem Druck und wir täten gut daran, nicht alles auf die EU zu schieben, sondern hier etwas zu ändern und uns auf unsere alten Stärken zu besinnen. Nehmen wir etwa die Arbeitszeiten. Die sind in den letzten 15 Jahren von 38 auf 32 Stunden gesunken und das können wir uns nicht mehr leisten.
Timo Springer: Aus Sicht der Industrie haben wir in Europa unseren Standortvorteil massiv verspielt. So ist etwa der Green Deal absolut falsch strukturiert. Wenn man etwas angeht, muss man erst eine Rechnung aufstellen und überlegen, was will ich mit einer Investition erreichen und wo will ich hin? In diesem Fall ist das nicht passiert. Jetzt stehen wir vor der Herausforderung, mit zusammengebundenen Beinen einen Marathon gegen den Rest der Welt laufen zu müssen. Das wird nicht funktionieren. Vieles von dem, was der Industrie das Leben schwer macht, kommt aus europäischen und österreichischen Regulatorien, die schlichtweg überbordend sind.
Es gibt Ihr Unternehmen seit 75 Jahren. War es früher leichter, an diesem Standort Unternehmer zu sein?
Springer: Dazu nur zwei Zahlen: 1970 hatten wir 8000 Gesetze und Verordnungen, heute sind es etwa 110.000. Ich glaube nicht, dass 1970 das Leben in irgendeiner Form schlechter war, als es heute ist. Es war nur unreglementierter. Es ist kompliziert geworden, als man begonnen hat, zu glauben, der Beschluss von Gesetzen würde etwas verbessern. Manchmal wäre es besser, wenn die Politik nichts beschließen würde.
Ihre Unternehmensberatung ist weltweit aktiv und laut einer Umfrage aus 2024 blicken sieben von zehn CEOs weltweit recht optimistisch in die Zukunft. Nur in Europa und Österreich ist es genau umgekehrt. Fehlt es an Optimismus bei uns?
Kristina Aichwalder: Ich glaube, man muss mit dem Jammern aufhören. Als Führungskraft hat man auch die Aufgabe, die Herausforderungen als Chancen zu sehen und mutige Entscheidungen zu treffen.
Springer: Wir haben leider eine Bürokratielawine, die uns am Laufen hindert und das Unverständliche daran ist, es würde nichts kosten, diese Lawine zu entflechten und trotzdem macht es niemand. Das Einfachste, um neuen Optimismus zu entfachen und den Unternehmen wieder Zuversicht zu geben, wäre es, Gesetze und Verordnungen zu streichen. Allein die Bürokratie-Abarbeitung kostet die Unternehmen jährlich zwischen 15 und 18 Milliarden Euro. Das ist absurd und diese Summen könnte man leicht in andere Themen investieren, die uns weiterbringen würden.
Schuschnig: Ein Problem, das wir uns selbst geschaffen haben, ist etwa die überbordende Anerkennung von NGOs in wichtigen Infrastrukturvorhaben. Das schadet der Wirtschaft und ist einfach falsch und dumm, weil es unfassbar viel Zeit und Geld kostet. Wir können uns nicht leisten, notwendige Projekte zu verzögern und in puncto Infrastruktur nicht zu den Besten in Europa zu gehören.
Bis 2030 sollen in den Bundesländern Kärnten, Oberösterreich und Steiermark insgesamt 578 Millionen Euro in die Wasserstoffwirtschaft investiert werden. Ist das ein Weg, der funktionieren kann?
Junghans: Es ist wichtig, dass uns da der Schulterschluss gelungen ist, denn Wasserstoff ist ein Zukunftsthema. Wir müssen auf Technologieentwicklung setzen, aber auch auf die Infrastrukturentwicklung, um hier den Durchbruch zu schaffen. Wir können nur über Innovation und rasche Entscheidungen versuchen, uns wieder ins Spiel zu bringen. Da werden wir uns als Europäer und Österreicher neu erfinden müssen, um hier standhalten zu können.
Mehr Mut für Veränderungen also?
Aichwalder: Wichtig für eine langfristige Transformation ist es, den Menschen in den Mittelpunkt zu setzen, Vertrauen aufzubauen und so die Angst vor Veränderungen, in welchem Bereich auch immer, zu reduzieren. Da kann man die Leute mit Weiterbildungen oder Schulungen abholen. Das passiert derzeit noch nicht ausreichend. Da stehen wir Führungskräfte in der Verantwortung.
Springer: Wir haben in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, dass wir in der Lage sind, uns neu zu orientieren, wenn etwas nicht mehr funktioniert. Dazu braucht es aber mehr Mut in der Politik, um Rahmenbedingungen zu schaffen. Es nur toll zu finden, weil es nicht weiter nach unten geht, finde ich etwas dramatisch.
Schuschnig: Die Politik hat die Aufgabe, Mehrheiten für wichtige Projekte zu beschaffen und da muss man klar sagen, dass es zu wenig Tempo bei vielen Entscheidungen gibt. Der Output ist aktuell nicht gut genug.