OMV-Gewinn legt kräftig zu Seele wehrt sich gegen Vorwürfe: "Rückzug hat familiäre Gründe"

Borealis trug wesentlich zum Ergebnissprung bei. CEO Rainer Seele sieht die OMV als "Frühindikator" für generellen Aufschwung. Er verrät auch, warum er geht: "Nach einer Dekade Leben im Flugzeug hat die Familie Priorität Nummer eins." OMV zieht Klage gegen "Dossier" zurück, hält aber Vorwürfe aufrecht.

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© APA/HELMUT FOHRINGER
 

Selten zuvor hat es so viel Wirbel um die OMV gegeben wie in den vergangenen Wochen. Zuletzt war die Ankündigung des Vorstandschefs Rainer Seele, dass er seinen Vertrag nicht verlängert, ein Paukenschlag. Warum er in einem Jahr von Bord geht, erklärte er heute bei der Präsentation der Zahlen für das erste Quartal mit familiären Gründen. "Ich lebe seit mehr als einer Dekade im Flugzeug. Jetzt hat mich meine Familie gebeten, mehr Zeit mit ihr zu verbringen, und ist es Zeit, dass meine Familie die Priorität Nummer eins bekommt." Und er betont: "Bitte akzeptieren Sie doch einfach diese Aussage, auch wenn sie Ihnen vielleicht nicht gefällt: Es ist eine rein familiäre Entscheidung, die ich getroffen habe."

Dass es massiven Druck durch die Staatsholding ÖBAG gegeben haben soll, diese Vermutung schmetterte Seele dagegen ab: "Ach, das ist doch wieder ein neues Gerücht." Das Gegenteil sei der Fall gewesen.

Zuletzt war der OMV-Chef allerdings an mehreren Fronten schwer unter Druck geraten. Das Unternehmen soll Aufträge erteilt haben, um Umweltschutzorgansationen professionell auszuspionieren, was zwar zurückgewiesen, aber auch nicht wirklich aufgeklärt wurde. Auf der anderen Seite wurden auf der Suche nach undichten Informationsquellen im eigenen Konzern zahlreiche Mitarbeiter penibel durchleuchtet, konkret deren Handydaten und Mails ausgewertet. Danach gefragt, wie belastet das Arbeitsklima in der OMV jetzt sei, konterte Seele: "Wenn es nicht gut wäre, könnte man nicht solche Ergebnisse liefern."    

Klage gegen Magazin zurückgezogen

Die Klage gegen das Magazin "Dossier", die ebenfalls für viel Wirbel gesorgt hatte, wird indes zurückgezogen. "Wir wollen ein Medium in wirtschaftlichen Schwierigkeiten nicht durch eine Klage gefährden und haben deshalb im Vorstand beschlossen, dass wir die Klage zurückziehen werden", so Seele. Die Klage gegen "Dossier" wegen der Berichterstattung des Magazins über den Erwerb des Chemiekonzerns Borealis durch die OMV sei damals gemeinsam im Vorstand gefasst worden, "nachdem man uns eine juristische Empfehlung gegeben hat", erklärte Seele. "Wir hatten mehrfach darauf hingewiesen, dass wir eine ausgewogene Berichterstattung wollen und dass wir eine andere Sichtweise haben, aber das wurde ignoriert." Da man aber das Medium nicht wirtschaftlich gefährden wolle, werde die Klage nun zurückgezogen. "Wir schicken Dossier einen netten Brief", so Seele. "Wir sind für einen Dialog immer offen." Das Zurückziehen der Klage sei "keinerlei Eingeständnis von irgendetwas". Man begrüße auch kritische Äußerungen, sie sollten aber "sachgemäß, nicht polemisch und nicht skandalös sein".

Ertragssprung

Wirtschaftlich geht es für die OMV wieder bergauf. Der teilstaatliche Öl- und Gaskonzern hat im ersten Quartal 2021 bereits vom gestiegenen Ölpreis profitiert, noch wichtiger war aber einmal mehr das boomende Chemiegeschäft. Seele: "Der Ertragssprung ist auf die vorteilhafte Akquisition der Borealis zurückzuführen." Der um Lagereffekte bereinigte Betriebsgewinn (CCS EBIT) stieg um 24 Prozent auf 870 Millionen Euro. "Mehr als die Hälfte davon, 440 Millionen Euro, kommt aus dem Chemiegeschäft."

"Borealis deutlich mehr wert"

Dass der inzwischen vollkonsolidierte Chemiekonzern Borealis einen wesentlichen Ergebnisbeitrag geleistet habe, betont Seele vor allem im Hinblick auf die massive Kritik, wonach die OMV für die Aufstockung ihrer Borealis-Beteiligung von 36 auf 75 Prozent um 3,8 Milliarden Euro einen deutlich überhöhten Kaufpreis bezahlt habe. "Ich glaube, dass gerade das erste Quartal deutlich zeigt, dass die Borealis deutlich mehr wert ist, als wir selbst im letzten Jahr geglaubt haben."

Keine Klage gegen "Dossier"

OMV-Vorstand will die Klage gegen Dossier zurückziehen. Mehr dazu lesen Sie hier.

Das erste Quartal sei für die OMV insgesamt sehr gut gelaufen, berichtete der CEO. Als organischen Cashflow habe man 1,7 Milliarden Euro erzielen können. "Das ist in einem Jahr, in dem wir uns der Entschuldung gewidmet haben, ein willkommener Beitrag." Mit dem Verkauf der OMV-Tochter GasConnect, der deutschen Tankstellen und der Öl-Assets in Kasachstan komme man nun auf ein Gearing (Verschuldungsgrad) von 32 Prozent, das sei schon ganz nahe am langfristigen Ziel von 30 Prozent.

OMV-Vorstandschef Rainer Seele
OMV-Vorstandschef Rainer Seele Foto © APA/GEORG HOCHMUTH

"Das ist die Bestätigung, dass die OMV ihre Dividendenversprechen einhält." Der Gewinn pro Aktie stieg auf 2 Euro, vor einem Jahr stand hier noch ein Verlust von 49 Cent. Das CCS Ergebnis je Aktie vor Sondereffekten (um Lagerhaltungseffekte bereinigt) stieg von 0,97 Euro auf 1,30 Euro. Das operative Konzernergebnis legte im Jahresabstand von 81 Mio. Euro auf 1,16 Milliarden Euro zu. Das Periodenergebnis drehte von minus 68 Millionen auf 835 Millionen Euro in die Gewinnzone.

"Wir liegen mit unseren Zahlen deutlich über den Schätzungen der Analysten. Die Aktienmärkte werden sicher positiv auf diese erfreuliche wirtschaftliche Entwicklung reagieren." Der Kurs der OMV-Aktie legte bis 9.30 Uhr um 3,69 Prozent auf 43,54 Euro zu.

Seele bleibt zuversichtlich

Für das laufende zweite Quartal ist Seele zuversichtlich. "Wir sehen jetzt schon, dass sich das Geschäft weiter erfreulich entwickelt, dass wir eine stabile Produktion in Libyen haben und die Produktion auch im zweiten Quartal deutlich über dem Vorjahr liegt." Im ersten Quartal hat die OMV so viel Öl und Gas gefördert wie zuletzt im Jahr 2019. Die tägliche Produktion kletterte im Schnitt auf 495.000 Barrel Öl-Äquivalent (boe), nach 472.000 Fass täglich im Vorquartal und ebenfalls durchschnittlich 472.000 boe/Tag Anfang 2020.

Raffinerien als Wermutstropfen

"Ein kleiner Wermutstropfen" sei im ersten Quartal die Raffineriemarge gewesen, die nur bei 1,7 US-Dollar pro Barrel lag. "Das war genau das Niveau, das wir auch im vierten Quartal letzten Jahres gesehen haben, aber vor einem Jahr war das Margenniveau dreimal so hoch, das war bei knapp fünf Dollar." Es werde kein Topjahr für die Raffinerien werden, aber die Margen sollten sich im Laufe des Jahres erholen. "Jetzt beginnt vor allem in den USA die Driving Season, wir erwarten deshalb eine gute Benzin-Nachfrage." Auch die Nachfrage nach Nafta, das in der Chemieindustrie gebraucht wird, nehme zu. Im zweiten Halbjahr sei darüber hinaus mit einer Zunahme der Reisetätigkeit zu rechnen.

Die OMV sei ein Frühindikator für die Erholung der Wirtschaft insgesamt, erklärte Seele, "weil wir in den Energie- und Chemiemärkten tätig sind".

 

Keine Klage gegen "Dossier"

OMV-Vorstand will die Klage gegen Dossier zurückziehen. Mehr dazu lesen Sie hier.

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scionescio
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"Bitte akzeptieren Sie doch einfach diese Aussage, auch wenn sie Ihnen vielleicht nicht gefällt: Es ist eine reine familiäre Entscheidung, die ich getroffen habe."

Wenn er dann den nächsten Job annimmt, hat es sich seine Familie wahrscheinlich wieder anders überlegt ... und dass er die aussichtslose Klage gegen Dossier zurückziehen muss, spricht wohl auch Bände!

Die Anbiederung an Russland unter Seele hat der OMV insgesamt massiv geschadet - schauen wir einmal, wo er aus Dankbarkeit dafür den nächsten Job bekommen wird (ich tippe auf Gazprom ...).