In der Schweiz hat am Dienstag der aufsehenerregendste Wirtschaftsprozess des Landes seit 15 Jahren begonnen. Dem ehemaligen Chef der Schweizer Raiffeisen-Bankengruppe, Pierin Vincenz, wirft die Staatsanwaltschaft unter anderem Betrug, Veruntreuung und Urkundenfälschung vor. Vincenz habe dem Institut Ausgaben belastet, die nichts mit seiner Aufgabe als Bankchef zu tun gehabt hätten, so die Anklage. So habe er über 200.000 Franken (heute rund 194.000 Euro) in Stripclubs und Kontaktbars ausgeben. „Diese waren geschäftsmäßig begründet“, erklärte Vincenz vor Gericht.

Nach Geschäftsessen habe er mit einer kleineren Gruppe von Personen wiederholt solche Lokale besucht und dort die Gespräche weitergeführt. Auf die Frage, wofür er dabei das Geld ausgegeben habe, sagte Vincenz: „Das waren Getränke, auch Flaschenweine, ziemlich teuer, und Champagner. Allerdings waren wir eher Weintrinker.“ In den Klubs und Bars habe er auch immer wieder versucht, Unternehmer kennenzulernen und als Kunden zu gewinnen.

Über die Firmenkreditkarte abgerechnet

Zur Frage der Richter, wieso er das Nachtessen mit einer Frau, die er über die Dating-App Tinder kennengelernt hatte, über die Firmenkreditkarte abrechnete, sagte Vincenz, sie habe eine Stelle gesucht. „Ich habe sehr viele Leute persönlich getroffen, gerade in den Städten, und wollte sie von Raiffeisen überzeugen. Ich war Tag und Nacht unterwegs für Raiffeisen.“ Solche Leute habe er auch immer wieder eingeladen.

Der von Anwälten von Vincenz sowie weiteren Angeklagten geforderte Aufschub des Prozesses wurde abgelehnt. Im Visier der Justiz stehen neben Spesen auch Firmenübernahmen, die Vincenz als Raiffeisen-Chef sowie als Präsident der Kreditkartenfirma Aduno verantwortete. Der Staatsanwaltschaft zufolge war Vincenz dabei verdeckt an den Übernahmezielen beteiligt. Damit habe er einen unrechtmäßigen persönlichen Gewinn von fast neun Millionen Franken eingefahren, so die Staatsanwaltschaft. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich hier etwas Kriminelles unternommen hätte“, sagte Vincenz.

2014 war er noch „Banker des Jahres“

Der Prozess sprengt die in der Schweiz üblichen Dimensionen. Statt im Gerichtsgebäude fand der Auftakt des Verfahrens in einem Konzertsaal in Zürich statt. Das Interesse der Öffentlichkeit hat unter anderem damit zu tun, dass Vincenz als Ex-CEO der drittgrößten Schweizer Bankengruppe einer der bekanntesten Manager des Landes war. Im Gegensatz zu den Spitzenkräften der anderen Großbanken gab er sich volksnah, 2014 wurde er von einem Magazin zum „Banker des Jahres“ gekürt. Auch Kritiker gestehen ihm zu, Raiffeisen zu einem starken Wachstum verholfen zu haben. In Schweizer Medien sorgt der Gerichtsprozess für immenses Aufsehen, die Boulevardzeitung „Blick“ hat online sogar eine detaillierte Infografik erstellt, die zeigt, in welchen Schweizer Nachtbars Vincenz wie viel Geld ausgegeben hat – der wenig schmeichelhafte Titel: „In diesen Stripclubs verlochte Vincenz 200'000 Franken“.