Alfred SternNeuer OMV-Chef: "Veränderungen müssen schnell und tiefgreifend sein"

Der neue Vorstandschef der OMV, Alfred Stern, will den teilstaatlichen Öl-, Gas- und Petrochemiekonzern wohl relativ rasch völlig umbauen und klimafreundlich machen.

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Alfred Stern
Alfred Stern © (c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
 

Hundert Tage Schonfrist? Nicht mit Alfred Stern. Seit Mittwoch ist der Steirer OMV-Chef, und damit der wichtigste Lenker in der Geschichte des teilstaatlichen Öl-, Gas- und Petrochemiekonzerns, der angesichts des Klimawandels vor einer historischen Herausforderung steht. Schon am zweiten Tag in seiner neuen Funktion öffnet der 56-jährige Stern am Donnerstagabend die OMV-Chefetage den Wirtschaftsjournalisten aller Tagesmedien. Es wird eine große Runde. In der Stern ohne die üblichen Powerpoint-Präsentationen oder Unterlagen auskommt. Er spricht völlig frei, nicht auf einem Podium, nur auf einem Mini-Stehtisch neben ihm stehen ein paar Mikrofone. Schon in den ersten Sätzen sagt er, "wahrscheinlich steht die OMV vor dem größten Wandel in der Unternehmensgeschichte." 

Wohin die Reise der OMV gehen muss, erklärt Stern dann in 17 Minuten - wenn auch noch ohne Details zur neuen Strategie. Hier will er nicht vorgreifen. An dieser Strategie wird intern seit Monaten gearbeitet, Ex-Chef Rainer Seele war da schon nicht mehr dabei. Wohl aber alle anderen Vorstandsmitglieder, auch Explorationschef Johann Pleininger, dem zuletzt offen zugeschrieben wurde, Seeles Kurswechsel zur stärkeren Petrochemie-Ausrichtung torpediert zu haben. Gegen Jahresende soll sie stehen, muss auch vor dem Aufsichtsrat bestehen, bevor sie im ersten Quartal 2022 präsentiert werden soll.

An der Notwendigkeit der Energiewende und damit der notwendigen Neuausrichtung der OMV lässt Stern keine Sekunde einen Zweifel. Im Gegenteil: „Die Veränderungen müssen schnell, tiefgreifend und teilweise beschleunigend sein,“ so Stern. „Ich bin ziemlich überzeugt davon, dass in zehn Jahren kein Öl- und Gasunternehmen so aussehen wird, wie es heute aussieht. Das Wichtige an diesen Transformationen ist, dass man an einen Punkt kommt, wo man die Notwendigkeit der Änderung akzeptiert. Sobald man das gemacht hat, kann man in den Änderungen auch Chancen erkennen.“ Dafür müsse man aber erst die Unausweichlichkeit begreifen.

"Konflikt und Diskurs essenziell"

Auf die Frage, was aus seiner Sicht der größte Erfolg in zehn Jahren sein sollte, antwortet Stern: „Wenn wir eine OMV haben, die noch immer zu den führenden Unternehmen Österreichs gehört und die einen Beitrag zu einem nachhaltigen Leben leistet.“ Kein anderer Öl- und Gaskonzern weltweit habe einen so großen Chemieanteil im Portfolio und so umfassendes technologisches Know-how auf den verschiedenen Feldern der Kreislaufwirtschaft und Rohstoff-Rückgewinnungstechnologien. Diese Potenziale will Stern in den nächsten Jahren zu einer starken Differenzierung fernab des klassischen Öl- und Gasgeschäfts nutzen, „wo wir den Wettbewerb schlagen können“, wie Stern ankündigt. Die neuen Säulen der OMV seien Kreislaufwirtschaft, Nachhaltigkeit und die Einhaltung der Pariser Klimaziele.

Die OMV hatte im ersten Halbjahr ein Spitzenergebnis eingefahren – aufgrund des Borealis-Zukaufs vor einem Jahr kommt es bereits zur Hälfte auf dem Chemiegeschäft. Dass der Konzern künftig voraussichtlich sukzessive weniger Öl- und Gas fördern wird als die aktuell knapp 500.000 Barrel pro Tag muss also nicht zwingend zulasten der Profitabilität gehen. Aber nur durch den stärkeren Fokus auf die Chemie werde nicht automatisch der CO2-Fußabdruck schnell viel kleiner. Was das konkret bedeuten kann, führte er allerdings nicht genauer aus. Allerdings hat die OMV bereits in ein ReOil-Verfahren investiert, bei dem Kunststoffe wieder zu Öl werden. Plan war immer, die Erfolge der   Pilotanlage in Schwechat in große Dimensionen zu transferieren. Auch Pflanzenfette werden bereits in kleinerem Stil in die Raffinerieprozesse eingebracht.  

Alfred Stern
Alfred Stern Foto © (c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)

Wesentlich für den Transformationsprozess sei eine umfassende auf Vertrauen basierende Lernkultur, betonte Stern. Auf diesem steinigen Weg müssten so viele Entscheidungen getroffen werden, dafür seien Konflikt und Diskurs essenziell. „Ich möchte, dass wir diese Konflikte und diese Diskurse wieder ins Unternehmen zurückholen. Ich glaube, wir sollten bei der OMV dafür da sein, Probleme zu lösen und Fortschritt zu erzeugen. Und nicht, um Politik zu betreiben,“ bezieht sich der neue OMV-Chef unverkennbar auf die Querelen, die in den vergangenen Monaten ein Bild von Hauen und Stechen in der Führungsriege des teilstaatlichen Konzerns erzeugt hatten. Diese Vergangenheit will Stern hinter sich lassen: „Man kann sein Leben nur nach vorne leben. Um innovativ zu sein, muss man auch bereit sein, Fehler zu machen. Wenn man in der Innovation eine Erfolgsrate von 30 Prozent erreicht, sind Sie Spitze. Das heißt, dass man in 70 Prozent der Zeit lernt, wie es nicht geht.“ Wenn man dieses Mindset nicht mitbringe, könne diese Innovationskultur nicht gelingen.

Dankbar sei er Rainer Seele, dass der den Konzern zu Höchstleistungen angespornt habe. Die Borealis mehrheitlich zu übernehmen - Stern war damals Borealis-Chef - sei absolut richtig gewesen. Er glaube, dass viele OMV-Mitarbeiter die Unausweichlichkeit des Wandels auch bereits akzeptiert haben.

Sorgenkind in Rumänien

Ganz konkret dürfte sich der Wandel wohl darin äußern, dass die schon von Seele auf Eis gelegten Russland-Pläne wohl nicht reaktiviert werden, obwohl sich Stern da nicht festlegen ließ und auch erzählte, die wichtigen Ansprechpartner der Gazprom noch gemeinsam mit Seele in Russland besucht zu haben. Einen weiteren Verkauf von Tankstellen wird es ebenfalls nicht geben. Der Ausstieg aus der E-Ladestationenfirma Smatrics sei richtig, die sei beim Verbund besser aufgehoben.  

Zu einem möglichen Petrom-Verkauf hielt er sich wie zu allen strategischen Fragen grundsätzlich bedeckt. Die rumänische Tochter, die über eine ungehobene Mega-Gasreserve im Schwarzen Meer verfügt, gilt etwas als Sorgenkind, nicht zuletzt, weil ihre Förderung mit zwar noch gesetzeskonformen, aber hohem und damit klimaschädlichen Methan-Ausstoß aufgrund von Lecks zu kämpfen hat. Stern zufolge wurden diese Leckagen von 2019 auf 2020 etwa halbiert, es gebe auch einen Arbeitsplan für die kommenden Jahre. 

Zu Kosten und Dauer des Umbaus lässt sich Stern noch nichts entlocken. Sehr hilfreich sei es, wenn von politischer Seite die seit heuer geltende Plastiksteuer zweckgewidmet in Recycling-Strukturen gelenkt werde. Und auch eine CO2-Steuer begrüßt er.  Stern: "Die freie Marktwirtschaft hat uns gelehrt, gut daran zu tun, einen Preis draufzuschlagen." 

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Danke für Ihr Verständnis.

Stratusin
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SMATRICS an den Verbund?

Wo kann der Verbund die Ladesäulen strategisch günstig aufstellen? Die OMV hätte genug Platz und super Standorte an allen Hauptverkehrsrouten gehabt. Man hätte langsam beginnen können, die bald nicht mehr benötigten Zapfsäulen durch Ladesäulen zu ersetzen.

melahide
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Genau

dann würden die Leute auch nicht immer sagen „Es gibt ja keine Ladestationen“. Dann würde man sie sehen. Und leichter finden auch …