Österreich zählt weiterhin zu den Ländern mit hohem Lebensstandard, stabilen Institutionen und gut ausgebildeter Bevölkerung. Doch der aktuelle Länderbericht der OECD zeichnet ein zunehmend kritisches Bild der wirtschaftlichen Entwicklung. Nach dem Energiepreisschock infolge des Ukraine-Kriegs und der daraus resultierenden Rezession befindet sich die heimische Wirtschaft zwar wieder auf Erholungskurs – allerdings auf wackeligem Fundament.

Die wirtschaftliche Schwächephase war laut OECD die längste seit 1945. Besonders betroffen waren Industrie, Bauwirtschaft und Konsum. Zwar haben sinkende Inflationsraten und steigende Löhne zuletzt die Kaufkraft gestützt, doch ein großer Teil der Einkommenszuwächse wurde gespart statt ausgegeben. Investitionen bleiben schwach, insbesondere im Wohnbau und im gewerblichen Immobiliensektor.

Wettbewerbsfähigkeit unter Druck

Ein zentrales Problem sieht die OECD in der schwindenden Wettbewerbsfähigkeit. Hohe Energiepreise und stark gestiegene Lohnkosten setzen Unternehmen unter Druck. Österreichs Industrie verliere an Wettbewerbsfähigkeit, während internationale Konkurrenz zunimmt. Gleichzeitig sinkt die Dynamik bei Unternehmensgründungen und Innovationen.

Zwar verfügt das Land über ein starkes Forschungs- und Innovationssystem, doch die Umsetzung in marktfähige Produkte bleibt hinter anderen EU-Staaten zurück. Vor allem im Dienstleistungssektor nimmt die Unternehmensdynamik deutlich ab. Die OECD fordert daher weniger Regulierung, mehr Wettbewerb und eine raschere Digitalisierung.

Produktivität wächst zu langsam

Ein weiteres strukturelles Problem ist das schwache Produktivitätswachstum. Seit der Pandemie hat sich das Wachstumspotenzial deutlich abgeschwächt. Ursachen sind unter anderem geringe Investitionen, eine sinkende Arbeitszeit pro Kopf und eine alternde Bevölkerung.

Ohne Reformen droht Österreich laut OECD langfristig zurückzufallen. Maßnahmen zur Stärkung von Innovation, Wettbewerb und Kapitalintensität gelten als zentral.

Budget unter Druck – Reformen unausweichlich

Auch die öffentlichen Finanzen bereiten Sorgen. Trotz beginnender wirtschaftlicher Erholung ist ein beträchtliches Budgetdefizit entstanden. Gleichzeitig steigen die langfristigen Ausgaben durch Alterung, Klimaschutz und Verteidigung.

Die OECD empfiehlt eine konsequente Budgetkonsolidierung. Neben Ausgabendisziplin soll vor allem das Steuersystem reformiert werden. Österreich finanziert sich im internationalen Vergleich stark über Arbeitseinkommen – die Steuerlast auf Arbeit zählt zu den höchsten in der OECD.

Gefordert wird daher eine Entlastung von Arbeit bei gleichzeitiger stärkerer Besteuerung von Vermögen, Immobilien und Konsum. Auch eine Erbschaftssteuer bringt die OECD erneut ins Spiel.

Wohnen wird zum Standortproblem

Ein wachsendes Problem ist die Leistbarkeit von Wohnraum, insbesondere in Städten. Obwohl das österreichische Wohnmodell lange als erfolgreich galt, steigen die Kosten zunehmend schneller als die Einkommen.

Die OECD sieht Reformbedarf bei der Widmung von Bauland, bei Bauverfahren und bei der Ausgestaltung gemeinnütziger Wohnmodelle. Auch die Grundsteuer sollte überarbeitet werden, um Anreize für effizientere Nutzung zu schaffen.

Demografie verschärft Herausforderungen

Besonders langfristig wirkt der demografische Wandel. Die Bevölkerung altert, das Arbeitskräfteangebot wird schrumpfen. Ohne Gegenmaßnahmen drohen Engpässe am Arbeitsmarkt und steigende Belastungen für das Sozialsystem.

Die OECD empfiehlt unter anderem: mehr Kinderbetreuung, um die Erwerbsquote von Frauen zu erhöhen, strengere Regeln für Frühpensionen und bessere Integration älterer Arbeitnehmer.

Auch das Gesundheits- und Pflegesystem steht vor Reformen. Trotz hoher Ausgaben gilt es als ineffizient organisiert. Mehr Primärversorgung, Digitalisierung und gezieltere Mittelverwendung sollen Kosten dämpfen und Qualität sichern.

Reform- und Investitionsdruck steigen

Ein weiterer Schwachpunkt ist die hohe Abhängigkeit von fossilen Energien. Diese belastet nicht nur die Klimabilanz, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit. Hohe Energieintensität macht Unternehmen anfällig für Preisschwankungen.

Die OECD empfiehlt massive Investitionen in Stromnetze, erneuerbare Energien und eine Reform von Energieabgaben. Ziel ist eine sichere, günstige und klimafreundliche Energieversorgung.

Unterm Strich bleibt Österreich laut OECD ein wohlhabendes Land mit soliden Grundlagen. Doch die strukturellen Herausforderungen nehmen zu – und sie betreffen nahezu alle zentralen Bereiche der Wirtschaftspolitik. Ohne tiefgreifende Reformen bei Steuern, Arbeitsmarkt, Innovation, Energie und Wohnen droht eine Phase schwachen Wachstums.