Der Iran-Konflikt hat die europäischen Börsen am Dienstag weiter nach unten gezogen. „Der Fokus der Kapitalmärkte liegt aktuell auf dem Risiko einer Eskalation sowie der sicheren Versorgung mit Energie, insbesondere durch die Straße von Hormuz“, fasste Ann-Katrin Petersen, Leiterin Kapitalmarktstrategin beim Vermögensverwalter BlackRock, die Sorgen der Marktteilnehmer zusammen. Die damit steigenden Öl- und Erdgaspreise nähren zudem Konjunktur- und Inflationsängste.
Auch die Wiener Börse hat mit massiven Verlusten geschlossen. Die Ängste vor einer Eskalation des Iran-Konflikts und den wirtschaftlichen Folgen zogen die Börsen europaweit nach unten. Der österreichische Aktienindex ATX beendete den Tag mit einem Minus von 3,55 Prozent und 5.433,81 Punkten. Auch andere Börsenindizes in Europa verloren ähnlich stark.
Alle ATX-Titel im Minus
In Wien schlossen am Dienstag alle im ATX gelisteten Aktien im Minus. Am stärksten nach unten ging es mit AT&S, die Titel des Leiterplattenherstellers büßten 9,1 Prozent ein. Unter den größeren Verlierern fanden sich auch die Aktien des Stahlkonzerns voestalpine und des Faserherstellers Lenzing mit Abschlägen von 7,6 bzw. 6,8 Prozent.
Titel des Versicherers UNIQA büßten 5,1 Prozent ein. Versicherer zählten am Dienstag europaweit zu den größeren Verlierern. Hier belasteten neben der Gesamtmarktlage die Kursverluste von Zurich. Der Schweizer Versicherungskonzern hatte mit einer Kapitalerhöhung Milliarden für die Finanzierung der geplanten Übernahme des britischen Spezialversicherers Beazley eingenommen. Die Zurich-Aktie verlor infolge 6,8 Prozent.
Verhältnismäßig gut schlugen sich angesichts steigender Öl- und Gaspreise die Aktien der OMV und gaben 1,5 Prozent nach. Am Dienstagnachmittag lag der Preis für die Referenz-Ölsorte Brent am Terminmarkt bei 84,37 US-Dollar. Das waren gut 8 Prozent mehr als am Vortag und über 11 Dollar mehr als zu Beginn des Iran-Kriegs.
Aktien der Erste Group verloren in dem schwachen Marktumfeld trotz mehrerer positiver Analystenkommentare 3,1 Prozent auf 95,95 Euro. Die Analysten von Barclays haben ihr Kursziel für die Erste-Aktien von 118,0 auf 119,0 Euro erhöht und ihre Anlageempfehlung „overweight“ in Reaktion auf die Viertquartalszahlen der heimischen Bank bestätigt. Die Experten der Baader Bank haben ihre Gewinnprognosen für die Erste erhöht, belassen ihre Empfehlung aber bei „Reduce“.
Selbst Staatsanleihen und Edelmetalle unter Druck
Der Euro-Stoxx-50 fiel um 3,59 Prozent auf 5.771,73 Punkte und verbuchte damit den größten Tagesverlust seit April des Vorjahres. Seit Wochenbeginn summiert sich das Minus auf rund sechs Prozent - der Zuwachs aus den ersten beiden Monaten des Jahres ist damit vollständig aufgezehrt.
In Frankfurt schloss der DAX 3,44 Prozent tiefer bei 23.790,65 Zählern. Etwas moderater fielen die Verluste in London und Zürich aus. Beide Märkte sind von defensiven Schwergewichten geprägt, wobei der Londoner FTSE-100 zusätzlich von vergleichsweise stabilen Ölwerten gestützt wurde. Dennoch verlor der britische Leitindex 2,75 Prozent auf 10.484,13 Punkte, während der Schweizer SMI um 3,10 Prozent auf 13.404,93 Punkte nachgab.
Auch klassische sichere Häfen wie Staatsanleihen und Edelmetalle gerieten unter Druck. Anleger fürchten, dass steigende Ölpreise den Spielraum für Zinssenkungen einengen könnten. Der Preis der Nordseesorte Brent zur Lieferung im Mai lag zum europäischen Aktienhandelsschluss rund 14 Prozent höher als vor dem Wochenende. Noch deutlicher fiel der Anstieg beim europäischen Gaspreis aus.
Bedenken spiegeln sich wider
Wie stark die Preise weiter steigen, werde von Dauer und Schwere der Konfliktfolgen abhängen, schrieben die Rohstoffstrategen der Bank RBC. Angesichts Irans Drohnen- und Raketenarsenals sei jedoch mit weiteren Ausfällen entlang der Lieferketten zu rechnen. In einem länger anhaltenden Konfliktszenario könnten den Experten zufolge die Ölpreise in den dreistelligen Bereich steigen, während die Gaspreise mindestens auf das höchste Niveau seit Anfang 2023 klettern dürften.
An den europäischen Aktienbörsen spiegelte die Entwicklung der einzelnen Sektoren diese Bedenken wider. Von intakten Lieferketten abhängige Branchen wie Einzelhandel und Industriegüter sowie die konjunktursensiblen Banken standen unter Druck, während sich die defensiven Nahrungs- und Pharmatitel besser hielten. Allerdings kam es selbst hier zu merklichen Verlusten, ebenso bei Ölwerten, die trotz der weiter gestiegenen Ölpreise schwächelten.
Zu den schwächsten Sektoren zählten die Versicherer. Hier belasteten neben der Gesamtmarktlage die Kursverluste von Zurich. Der Versicherungskonzern hatte mit einer Kapitalerhöhung Milliarden für die Finanzierung der geplanten Übernahme des britischen Spezialversicherers Beazley eingenommen. In einem beschleunigten Bookbuilding-Verfahren platzierte das Unternehmen knapp 7,1 Millionen neue Namensaktien. Die Aktie verlor 6,7 Prozent.
Mit Kühne+Nagel schloss ein weiterer Schweizer Wert nach einer Berg- und Talfahrt leicht im Plus. Die Aktien reagierten damit auf Geschäftszahlen von 2025. Inzwischen könnte der Konzern von der Lage im persischen Golf noch profitieren. „Geschlossene Flughäfen im Zusammenhang mit dem Krieg im Nahen Osten führen dazu, dass kurzfristig alternative Luftfrachtlösungen gefunden werden müssen; in solchen Situationen gewinnen die Dienstleistungen von Kühne+Nagel an Bedeutung und Wert“, hieß es in einem Kommentar der ZKB.