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Steirisch-syrische HochzeitAntonia und Hussein: „Zuerst der Mensch, dann die Religion“

Antonia Elmas und Hussein Mohammad-Elmas im Interview über ihre steirisch-syrische Hochzeit, ihre Liebesgeschichte und das Miteinander ihrer Religionen.

Geheiratet hat das Paar in Weiz beim Gasthof Allmer und im Garten der Generationen © Botan
 

Am 11. August heirateten die Weizerin Antonia Strempfl und der Kurde Hussein Mohammad, der aus Syrien flüchten musste, nach rund zweieinhalb Jahren Beziehung in Weiz. Sie nahmen den gemeinsamen Namen Elmas an.

Gratulation zur Hochzeit. Wie kann man sich eine steirisch-syrische Heirat vorstellen?

Antonia Elmas: Wir haben bewusst musikalisch, kulinarisch und von den Traditionen her alles gemischt. Es gab eine österreichische Band und wir haben kurdische Musik abgespielt und eingeladen, mitzutanzen. Es gab österreichisches Essen vom Caterer für die Hälfte der über 140 Leute und für die andere Hälfte haben wir am Vortag mit Freunden in der Passailer Volksschulküche 14 Stunden lang gekocht.

Hussein, sind von Ihnen Verwandte gekommen?

Hussein Mohammad-Elmas: Ja, fast die ganze Familie, die in Europa ist: Drei Brüder und eine Schwester mit den Kindern und Freunde aus Graz und Umgebung. Ich habe nicht alle eingeladen, in Österreich sind Hochzeiten klein. 150 Leute ist für unsere Kultur eine Hausparty, ein Familientreff (lacht). Wenn man bei uns heiratet, sind es mindestens 700, 800 Gäste.

Konnten Ihre Eltern kommen?

Mohammad-Elmas: Nein, die sind unten (in Syrien, Anm.). Wir haben probiert, dass sie kommen, aber es war zu schwierig. Gott sei Dank waren sie live dabei über Skype.

Elmas: Hussein hat noch vier Schwestern in Syrien. Als Überraschung habe ich zehn Monate lang probiert, die jüngste raufzubringen, mit Mann und zwei Kindern. Keine Chance. Ich bin an der Nase herumgeführt worden von Ministerien und der Botschaft. Zwei Tage vorher habe ich noch gehofft, ihm dann aber gesagt, dass es nicht geht.

Foto © KK

Wie haben Sie beide eigentlich zueinandergefunden?

Mohammad-Elmas: Am 16. Oktober 2015 war in Passail ein Benefizkonzert. Dort habe ich Antonia mit Kathi Tobinger (Flüchtlingshelferin, Anm.) reden gesehen. Ich bin zu ihnen gegangen und habe mit Antonia Witze gemacht, damit es locker wird zwischen uns. Für mich war alles klar. Dann haben wir Nummern getauscht. Drei, vier Tage später sind wir, zusammen mit Kathi, nach Wien zu einem Konzert gefahren und uns dabei näher gekommen.

Elmas: Beim Benefizkonzert ist Hussein immer zur Kathi hingerannt und hat ihr ins Ohr geflüstert. Irgendwann hat sie zu mir gesagt, „Der Hussein fragt die ganze Zeit Sachen über dich“.

Hat es dann auch bei Ihnen gleich gefunkt?

Elmas: Jein. Es war am Anfang gleich etwas da, aber ich wollte zu der Zeit keinen Mann. Nach anfänglichem Anbandeln habe ich gesagt, nein, es passt nicht. Aber er hat nicht aufgegeben. Und dann hat es doch gepasst.

Wie haben Ihre Freundinnen, Bekannten, ihre Familie reagiert?

Elmas: Die Mama hat immer bestärkt. Sie ist Lehrerin in Passail und hat Hussein von einem Projekt gekannt. Ich habe anfangs gedacht, gerade in der Verwandtschaft, wie es sein wird. Aber selbst meine Oma hat gesagt: „Solange du ihn gerne hast, passt es.“ Es kommen immer die gleichen Fragen: „Trinkst du Alkohol?“ (Ja), „Isst du Schweinefleisch?“ (Ja), „Gibt’s in Syrien Schnee?“ (Ja). Wir haben bis jetzt keine negativen Erfahrungen gemacht. Die Bürokratie macht eher zu schaffen.

Wo liegen die Schwierigkeiten?

Elmas: Beim Job finden, Ausbildung anerkennen lassen. Die ganzen Urkunden, damit wir heiraten konnten. Wenn man aus einem Land flüchtet, nimmt man nicht die Dokumentenmappe mit. Syrien ist Kriegsgebiet. Es gibt keine Struktur wie bei uns. Husseins Führerschein etwa, den kriegen wir nicht.

Mohammad-Elmas: Wir alle wissen, was es dort gibt: die Kämpfe, Flugzeuge. Ein Weltkrieg in Syrien, es sind so viele Länder und Gruppen drinnen.

Wäre er erzreligiös und würde sagen, ich muss in der Burka herumrennen, wären wir nie so weit gekommen. Wenn ich sagen würde, er muss sich taufen lassen, hätte ich auch nicht viele Meter.

Antonia Elmas

In Ihrer Ehe treffen zwei Kulturen aufeinander. Gibt es Reibungsflächen, Missverständnisse?

Mohammad-Elmas: Richtige Probleme hat es bisher nicht gegeben. Der Punkt ist Vertrauen und miteinander reden. Zuerst kommt der Mensch, dann hat jeder eine Religion. Namen oder Religion hat man sich nicht ausgesucht, sondern bei der Geburt mitbekommen. Es macht keinen Unterschied, ob man in die Kirche oder Moschee geht – beides ist Gottes Haus.

Elmas: Wir beide haben viel dazugelernt, es reibt sich eigentlich gar nicht. Sicher gibt’s hin und wieder Dinge, aber die gibt es in jeder Beziehung. Das Wichtigste ist, dass man offen ist. Hussein ist Moslem, ich bin katholisch. Wäre er erzreligiös und würde sagen, ich muss in der Burka herumrennen, wären wir nie so weit gekommen. Wenn ich sagen würde, er muss sich taufen lassen, hätte ich auch nicht viele Meter.

Feiern Sie gemeinsam Weihnachten und gemeinsam das Fastenbrechen nach dem Ramadan?

Elmas: Das Fastenbrechen nicht. Aber das Newroz-Fest (kurdisches Neujahr, Anm.).

Mohammad-Elmas: Den Ramadan begehe ich nicht. Tagsüber nichts essen und trinken. Nach Sonnenuntergang haben die Leute so viel und fett gekocht und essen, essen, essen. Drei Viertel schmeißen sie weg, obwohl es Leute gibt, die nichts haben. Das passt nicht.

Hussein Mohammads Geschichte

Hussein Mohammad wuchs als achtes von zehn Kindern in der syrischen Kurdenstadt El-Kamishliye auf. Er erlernte den Beruf des Männerfrisörs. 2008 wurde er zum Militär einberufen.

Am 1. Februar 2010 endete die Zeit beim Heer – bevor sich die Situation in Syrien zuspitzte. Mohammad, der wieder zum Militär eingezogen werden hätte können, wollte nicht gegen seine Landsleute kämpfen. Er beschloss zu fliehen und landete am Ende einer mehrmonatigen, 10.000 Euro teuren Flucht in Passail. Er bekam einen positiven Asylbescheid.

2015 lernte er seine jetzige Frau Antonia Strempfl kennen und bezog mit ihr eine Wohnung. Zuerst kellnerte er auf der Teichalm, jetzt geht er in Graz seinem Beruf als Männerfrisör nach.

Mit Katharina Tobinger und Horst Pessl spielt er in der Band „Hops&Malt“.

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Danke für Ihr Verständnis.

KarlZoech
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Alles Gute dem jungen Ehepaar! - Die beiden haben die völlig richtige Einstellung:

"Zuerst kommt der Mensch, dann hat jeder seine Religion."
Ich setze noch dazu:
"Zuerst kommt der Mensch, dann erst kommt das Land oder die Nation!"

Und mit dieser Einstellung, die man auch als "Leben und leben lassen" beschreiben kann, gelingt das menschliche Zusammenleben über alle nationalen, religiösen und politischen Grenzen hinweg.

PS. Der aufgeklärte Islam bzw. aufgeklärte Muslime sind überhaupt kein Problem. Probleme verursachen nur konservativ-fundamentalistische Vertreter des politischen Islam und deren Anhänger.

PPS. Allerliebste Freunde von mir, er ebenfalls Muslim und sie geborene Österreicherin feiern schon seit Jahrzehnten alle christlichen und muslimischen Feste. Und natürlich ist keiner der beiden fundamentalistisch. Und mein Freund M. sagt, er würde niemals nach Mekka fahren, denn solange man dort mich als Christen nicht hineinlasse, brauche er das auch nicht, er dürfe ja auch nach Rom.

PPPS. Naja, und eine Moschee von innen (zu Gottesdienstzeiten) sieht Freund M. so selten wie ich Kirchen zu Gottesdienstzeiten. Wenn nötig, dann haben wir beide den "direkten Draht" zu Gott bzw. Allah; dazu brauchen wir keine religiös befugten Männer als Vermittler.

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KarlZoech
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Ich merke noch an: Politisierendes Christentum, politisierender Katholizismus, ist mir genau so zuwider wie der politisierende konservative Islam!

Doch haben wir den politisierenden Katholizismus mit Beginn der zweiten Republik (mehr und mehr) überwunden, hinter uns gelassen.

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KarlZoech
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Hinweis an die REDAKTION:

Die Antworten von Frau Antonia Elmas nur unter "Elmas" anzuführen ist irritierend, wenn doch beide den Familiennamen Elmas führen.
Also entweder bei beiden Vor- und Familienname anführen oder bei beiden nur die Vornamen bitte!

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